
Mein Weg ins Büro ist eigentlich schnell erzählt: etwa zehn Minuten zu Fuß durch unser Viertel. Keine große Strecke. Und doch erlebe ich auf diesen zehn Minuten manchmal mehr Begegnung, mehr Leben und, ja – auch mehr Seelsorge, als ich je geplant hätte.
Gleich zu Beginn liegt die Bäckerei. Der Duft von frisch gebackenem Brot zieht durch die Straße, und mit ihm die Stimmen der Menschen, die sich früh morgens hier treffen. Heute fragt mich die Verkäuferin, während sie mir ein Brötchen in die Tüte legt: „Fasten Sie auch? Richtig streng?“
Ich lächle. „Ich versuche es zumindest“, sage ich.
Sie nickt langsam. „Vielleicht sollte ich das auch mal – nicht nur aufs Essen bezogen.“
Ein einfaches Gespräch, und doch mehr als Small Talk. Ein Gedanke wird angestoßen, vielleicht ein kleiner Anstoß, neu zu leben. Gott zwischen Krustenbrötchen und Coffee to go.
Am nächsten Straßenzug wartet schon Ahmad an seinem Kiosk. Ein vertrautes Gesicht. Seit Jahren kennen wir uns, und immer wieder, fast selbstverständlich, kommen wir ins Gespräch – über unseren Alltag, unsere Hoffnungen, und auch über unseren Glauben.
Ahmad ist Muslim. Unsere Unterschiede trennen uns nicht, sie machen unser Gespräch lebendig.
Heute geht es um die Dreifaltigkeit – ein schweres Thema am frühen Morgen. Ich suche nach einfachen Worten: Vater, Sohn, Heiliger Geist – nicht drei Götter, sondern eine Liebe, die in sich Beziehung ist.
Ahmad hört aufmerksam zu und sagt schließlich: „Das klingt nach Familie.“
Ein schönes Bild. Und ich merke: Verständnis wächst nicht durch Argumente, sondern durch geteilte Bilder und offene Herzen.
Ein paar Meter weiter sehe ich Herrn Schneider auf der Bank sitzen. Sein Labrador liegt müde zu seinen Füßen. Als ich vorbeigehe, hebt er den Kopf. „Wissen Sie“, sagt er ohne Vorwarnung, „manchmal hoffe ich einfach nur, dass ich meine Frau eines Tages wiedersehe.“
Ich setze mich einen Moment zu ihm. Die Straße rauscht, irgendwo klingelt eine Fahrradklingel.
„Ich glaube, dass Liebe nicht endet“, sage ich. „Dass sie stärker ist als der Tod.“
Wir schweigen zusammen. Kein großes Gespräch. Aber vielleicht genau das, was heute gebraucht wird.
Und ich spüre: Seelsorge geschieht nicht nur in Gesprächen im Büro, nicht erst am Schreibtisch oder im offiziellen Rahmen. Sie beginnt oft dort, wo Menschen einander wahrnehmen: zwischen Tür und Angel, zwischen Kaffeebecher und Hundegebell.
In solchen Momenten denke ich an Charles de Foucauld, dessen Leben mich sehr beeindruckt.
Er wollte kein großer Prediger sein, sondern einfach Bruder – Bruder aller Menschen, im Einfachen, im Alltäglichen.
Sein Traum war es, durch die schlichte, stille Präsenz die Liebe Christi sichtbar werden zu lassen.
Genau das darf ich auf meinem kurzen Weg erleben:
Gott mitten auf dem Gehweg.
Ganz ohne großes Programm, aber mit offenem Herzen.
Vielleicht brauchen wir im Alltag gar nicht so viel anderes: offene Augen, offene Ohren – und ein bisschen Mut, einen Moment stehenzubleiben.
- Alle Namen sind frei erfunden