Sonntag, 30. August 2026 – 22. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr A

Hinter Jesus – Türen zum Leben öffnen

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am vergangenen Sonntag habe ich in der Predigt gesagt: „Direkt im Anschluss – im Evangelium des kommenden Sonntags – wird Petrus sich gegen Jesu Weg stellen und sich eine scharfe Zurechtweisung einhandeln.“ Dieser kommende Sonntag ist heute.

Gerade noch hatte Petrus bekannt: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Jesus hatte ihn Fels genannt und ihm die Schlüssel des Himmelreichs anvertraut. Heute hören wir, wie schnell ein Fels zum Stolperstein werden kann.

Jesus spricht zum ersten Mal offen davon, dass er nach Jerusalem gehen, leiden und getötet werden wird. Petrus nimmt ihn beiseite und widerspricht: „Das darf nicht mit dir geschehen!“

Petrus meint es vermutlich gut. Er möchte Jesus schützen. Vielleicht will er auch sich selbst schützen. Denn wenn der Weg Jesu ins Leiden führt, dann könnte auch seine Nachfolge etwas kosten.

Jesus antwortet ungewöhnlich scharf: „Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir.“ Jesus schickt Petrus nicht fort. Er weist ihm seinen Platz zu: hinter Jesus.

Petrus soll nicht vor Jesus stehen und ihm den Weg versperren. Er soll auch nicht versuchen, Jesus nach seinen eigenen Vorstellungen zurechtzubiegen. Er soll hinter ihm gehen und lernen, wohin dieser Weg führt.

Damit wird auch das Bild von den Schlüsseln des vergangenen Sonntags weitergeführt. Petrus hat Schlüssel erhalten. Aber Schlüssel zu tragen bedeutet nicht, Jesus Wege vorzuschreiben. Es bedeutet nicht, darüber zu bestimmen, wer zu Gott gehören darf und wer draußen bleiben muss.

Ein Schlüsselträger kann Türen öffnen. Er kann sich aber auch vor eine Tür stellen und anderen den Zugang versperren. Genau darin liegt die Verantwortung.

An diesem Wochenende feiert Aachen den CSD unter dem Leitwort: „Aachen bleibt bunt – queer, solidarisch, stark.“ Am Freitag wurde in der Annakirche ein ökumenischer Gottesdienst unter dem Motto „Ich bin hier – und so gewollt“ gefeiert.

Das ist mehr als eine schöne Formulierung. Es ist für viele Menschen eine Erfahrung, um die sie lange kämpfen mussten: Ich bin da. Ich muss mich nicht verstecken. Ich bin mit meinem Leben und meiner Geschichte von Gott gewollt.

Gerade deshalb müssen wir vorsichtig sein, wenn wir Jesu Worte hören: „Wer mein Jünger sein will, verleugne sich selbst.“

Dieser Satz ist in der Geschichte der Kirche auch missbraucht worden. Menschen wurde gesagt, sie müssten sich selbst verleugnen, ihre Gefühle verbergen oder einen wesentlichen Teil ihrer Persönlichkeit verschweigen, um von Gott angenommen zu sein.

Doch Jesus sagt nicht: Verachte dich selbst. Er sagt nicht: Verleugne deine von Gott geschenkte Würde. Und er sagt erst recht nicht: Lass dich von anderen kleinmachen.

Sich selbst verleugnen bedeutet nicht, zu leugnen, wer ich bin. Es bedeutet, nicht mehr nur um mich selbst zu kreisen.

Es bedeutet, auf den Anspruch zu verzichten, immer recht haben zu müssen. Es bedeutet, Macht nicht zum eigenen Vorteil zu gebrauchen. Es bedeutet, den anderen Menschen nicht nach meinen Vorstellungen formen zu wollen.

Vielleicht ist genau das die Selbstverleugnung, die Petrus in diesem Augenblick lernen muss. Er muss seine eigene Vorstellung vom Messias loslassen. Er muss akzeptieren, dass Jesus nicht der erfolgreiche und unangreifbare Sieger sein wird, den er sich erhofft hat.

Und auch wir müssen Vorstellungen loslassen – manchmal sogar religiöse Vorstellungen –, wenn sie anderen Menschen die Tür zu Gott versperren.

Das Kreuz eines Menschen ist nicht seine sexuelle Orientierung oder seine geschlechtliche Identität. Das Kreuz entsteht dort, wo Menschen deshalb verspottet, ausgegrenzt, bedroht oder aus ihren Familien und Gemeinschaften ausgeschlossen werden.

Christliche Nachfolge darf niemals bedeuten, anderen solche Kreuze aufzulegen. Sie bedeutet vielmehr, dabei zu helfen, diese Kreuze zu tragen und nach Möglichkeit abzunehmen.

Hier verbindet sich das Evangelium mit dem Propheten Jeremia. Jeremia sieht Gewalt und Unterdrückung. Er würde gern schweigen, weil ihm sein Reden Hohn und Spott einbringt. Doch das Wort Gottes brennt in ihm wie ein Feuer. Er kann nicht so tun, als wäre nichts.

Auch der CSD erinnert daran, dass Sichtbarkeit manchmal Mut kostet. Menschen machen Erfahrungen von Hass und Ausgrenzung öffentlich, die andere lieber nicht sehen möchten. Sie erheben ihre Stimme, weil Schweigen die Verhältnisse nicht verändert.

Dabei geht es nicht darum, jedes Wort oder jede Form einer Veranstaltung unkritisch übernehmen zu müssen. Aber als Christinnen und Christen können wir die Grundfrage nicht abweisen: Öffnen wir Menschen Türen – oder versperren wir ihnen den Zugang? Helfen unsere Worte zum Leben – oder legen sie zusätzliche Lasten auf?

Am vergangenen Sonntag haben wir gefragt: Welche Schlüssel sind mir anvertraut? Wo kann ich einem Menschen eine Tür öffnen – zu Gemeinschaft, Hoffnung, Versöhnung oder neuem Leben?

Heute kommt eine zweite Frage hinzu: Folge ich mit diesen Schlüsseln wirklich Jesus? Oder stelle ich mich manchmal vor ihn und versperre den Weg?

Petrus bleibt trotz seines Versagens der von Jesus berufene Fels. Das ist tröstlich. Jesus erwartet keine fehlerlosen Menschen. Aber er erwartet Menschen, die sich korrigieren lassen und wieder hinter ihn treten.

„Tritt hinter mich“, sagt Jesus. Dort ist unser Platz: hinter dem, der Ausgegrenzten Gemeinschaft schenkt, Menschen aufrichtet und verschlossene Türen öffnet.

Wenn wir ihm folgen, müssen wir uns nicht selbst verlieren. Im Gegenteil: Bei ihm dürfen wir erkennen, wer wir wirklich sind – von Gott gewollte und geliebte Menschen.

Und wir können dazu beitragen, dass auch andere diese Erfahrung machen: Ich bin hier. Ich bin von Gott gewollt. Und die Tür steht mir offen.
Amen.

Predigt zum 21. Sonntag im Jahreskreis

Wem geben wir den Schlüssel?

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„Für wen halten die Menschen den Menschensohn?“ Jesus beginnt mit einer Umfrage. Was hört ihr über mich? Welche Meinungen sind im Umlauf? Die Antworten klingen respektvoll: Johannes der Täufer, Elíja, Jeremía oder ein anderer Prophet. Niemand hält Jesus für belanglos. Aber alle Antworten bleiben auf Abstand. Sie berichten, was andere denken.

Dann verändert Jesus die Frage: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Jetzt kann man sich nicht mehr hinter der Meinung der anderen verstecken. Jesus fragt nicht nach religiösem Allgemeinwissen. Er fragt nach Beziehung. Wer bin ich für dich? Was bedeutet es für dein Leben, dass du mir begegnest?

Petrus antwortet: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Das ist der entscheidende Satz. Petrus erkennt: In Jesus handelt nicht nur ein bedeutender Lehrer oder Prophet. In ihm kommt Gott selbst den Menschen entgegen. Jesus ist der Christus, der Gesalbte, auf den Israel hofft.

Doch Petrus ist deshalb noch lange kein fertiger Glaubensheld. Direkt im Anschluss – im Evangelium des kommenden Sonntags – wird er sich gegen Jesu Weg stellen und sich eine scharfe Zurechtweisung einhandeln. Der Fels ist also kein fehlerloser Mensch. Jesus baut seine Kirche nicht auf menschliche Perfektion. Er baut auf das Bekenntnis und auf einen Menschen, der sich trotz seiner Grenzen von Gott rufen lässt.

Damit kommen die Schlüssel ins Spiel. Wir kennen Schlüssel als Zeichen von Besitz: Wer den Schlüssel hat, darf hinein. In den biblischen Texten dieses Sonntags bedeutet der Schlüssel aber vor allem Verantwortung.

Die Lesung aus dem Buch Jesája nennt zuerst Schebna, den Palastvorsteher. Der größere Zusammenhang zeigt einen Mann, der sein Amt zur eigenen Selbstdarstellung benutzt. Er sorgt für sein Denkmal und seine Stellung. Deshalb wird ihm das Amt genommen. Éljakim erhält Gewand, Schärpe und den Schlüssel des Hauses David. Er soll nicht sich selbst groß machen, sondern „zum Vater“ für die Menschen Jerusalems werden.

Der Schlüssel ist also kein Schmuckstück und kein Privileg. Wer ihn trägt, muss öffnen, schützen und verantwortlich entscheiden. Er trägt den Schlüssel sogar auf der Schulter – beinahe wie eine Last. Autorität ist in der Bibel kein Freibrief, sondern anvertrauter Dienst.

Wenn Jesus Petrus die Schlüssel des Himmelreichs zusagt, steht diese Lesung im Hintergrund. Auch Petrus bekommt die Kirche nicht als Eigentum. Die Kirche bleibt die Kirche Christi: „Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“ Petrus soll dienen, binden und lösen, Orientierung geben und Wege öffnen. Seine Vollmacht ist daran gebunden, dass er Jesus als den Christus bekennt.

Das ist bis heute eine wichtige Erinnerung für kirchliche Ämter. Schlüsselgewalt darf niemals bedeuten: Ich bestimme, wer zu Gott gehört und wer draußen bleiben muss. Sie muss sich an Jesus messen lassen – an dem, der Schuldigen Vergebung eröffnet, Ausgegrenzte in die Gemeinschaft zurückholt und den Menschen den Zugang zu Gott nicht versperrt.

Natürlich hat dieses Evangelium eine besondere Bedeutung für das Petrusamt und damit für den Papst. Aber wir wären schnell fertig, wenn wir den Text nur nach Rom weiterreichen würden. Denn auch uns sind Schlüssel anvertraut.

Wir können anderen Türen öffnen oder sie verschließen. Ein freundliches Wort kann jemandem den Zugang zu einer Gemeinschaft eröffnen. Ein vorschnelles Urteil kann eine Tür zuschlagen. Wir können einem Menschen zeigen: Du bist willkommen, deine Stimme zählt, du darfst hier sein. Oder wir können ihm vermitteln: Für dich ist hier kein Platz.

Eltern tragen Schlüssel für ihre Kinder. Pflegende und Angehörige für Menschen, die ihnen anvertraut sind. Lehrkräfte für junge Menschen. Haupt- und Ehrenamtliche für Gemeinden und Einrichtungen. Wer Verantwortung trägt, hält immer auch ein Stück Zugang zum Leben anderer in der Hand.

Darum gehört die Frage Jesu vor jede Schlüsselübergabe: „Für wen haltet ihr mich?“ Denn wenn Jesus für uns wirklich der Christus ist, verändert das unseren Umgang mit Verantwortung. Dann kann Macht nicht zuerst der eigenen Stellung dienen. Dann muss Leitung den Menschen dienen. Dann geht es nicht darum, möglichst viele Türen zu kontrollieren, sondern die richtigen Türen zu öffnen.

Vielleicht stolpern wir auch über Jesu Zusage, die Pforten der Unterwelt würden seine Kirche nicht überwältigen. Dieser Satz ist keine Garantie dafür, dass jede kirchliche Form, jedes Gebäude und jede Gewohnheit für immer bestehen bleibt. In der Geschichte ist vieles untergegangen, was Menschen für unverzichtbar hielten. Jesu Zusage gilt tiefer: Seine Gemeinschaft mit den Menschen wird nicht im Tod enden. Das Evangelium bleibt lebendig. Christus hört nicht auf, seine Kirche neu zu bauen.

Und er baut sie nicht nur aus Amtsträgern oder aus besonders standfesten Menschen. Er baut sie aus uns: aus Menschen, die glauben und zweifeln, bekennen und manchmal versagen, Verantwortung übernehmen und neu lernen müssen. Der Fels ist nicht unsere Fehlerlosigkeit. Der tragende Grund ist Christus selbst, den Petrus bekennt.

So bleiben uns heute zwei Fragen. Die erste stellt Jesus selbst: Wer bin ich für dich? Nicht für die Leute, nicht für die Kirche im Allgemeinen, sondern für dich. Und die zweite lautet: Welche Schlüssel sind mir anvertraut? Wo kann ich einem Menschen eine Tür öffnen – zu Gemeinschaft, Hoffnung, Versöhnung oder neuem Leben?

Petrus antwortet: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Wenn wir dieses Bekenntnis mitsprechen, gibt Christus auch uns Verantwortung. Nicht damit wir uns vor Türen stellen, sondern damit durch unser Leben etwas von seinem Himmelreich offensteht.
Amen.

Predigt zu Röm 8, 9.11–13 + Mt 11, 25–30

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Liebe Schwestern und Brüder,

„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch Ruhe verschaffen.“

Dieser Satz Jesu passt gut zum Ende des Schuljahres.

Denn jetzt kommen sie wieder: die Zeugnisse.
Für manche ist das ein Grund zur Freude. Für andere eher ein schwerer Moment. Da steht dann schwarz auf weiß, was gelungen ist — und was nicht. Da wird verglichen, erklärt, gerechtfertigt. Manchmal auch geschimpft.

Natürlich sind Zeugnisse nicht egal. Leistung ist nicht egal. Rückmeldung ist wichtig.

Aber ein Zeugnis ist nicht der Wert eines Menschen.

Ein Zeugnis sagt etwas über Leistungen in bestimmten Fächern, in einem bestimmten Zeitraum.
Aber es sagt nicht alles.

Es sagt nicht, wie viel Angst jemand überwunden hat.
Es sagt nicht, wie sehr jemand sich bemüht hat.
Es sagt nicht, was zu Hause gerade los war.
Es sagt nicht, ob jemand treu ist, hilfsbereit, ehrlich, verletzlich, mutig.

Und ganz ehrlich: Das hört ja nach der Schule nicht auf.

Auch Erwachsene bekommen ständig Zeugnisse — nur heißen sie anders.

Da bewertet der Arbeitgeber.
Da bewertet die Familie.
Da bewertet der Kontostand.
Da bewertet der Blick in den Spiegel.
Da bewertet die Gesellschaft: erfolgreich oder nicht, belastbar oder nicht, attraktiv genug, schnell genug, brauchbar genug.

Und manchmal sind wir selbst die strengsten Prüfer.
Wir schreiben uns innerlich Zeugnisse, die gnadenloser sind als jede Lehrkraft es dürfte.

„Nicht gut genug.“
„Zu wenig erreicht.“
„Wieder versagt.“
„Andere kriegen das besser hin.“

Und genau in diese Welt hinein sagt Jesus:

„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.“

Nicht: Kommt, wenn ihr alles im Griff habt.
Nicht: Kommt, wenn die Bilanz stimmt.
Nicht: Kommt, wenn ihr euch selbst optimiert habt.

Sondern: Kommt alle.

Das ist kein frommer Wellness-Satz.
Das ist ein Gegenprogramm.

Jesus sagt: Du bist mehr als deine Leistung.
Mehr als dein Zeugnis.
Mehr als dein Konto.
Mehr als dein Lebenslauf.
Mehr als das, was andere über dich sagen.
Mehr auch als das, was du dir selbst manchmal einredest.

Paulus schreibt im Römerbrief: Gottes Geist wohnt in euch.

Das ist ein starker Satz.
In uns wohnt nicht nur Druck. Nicht nur Müdigkeit. Nicht nur Versagen. Nicht nur die Angst, nicht zu genügen.

In uns wohnt Gottes Geist.

Das heißt: Da ist Würde, bevor irgendwer bewertet.
Da ist Leben, bevor irgendwer rechnet.
Da ist Gottes Ja, bevor Menschen ihre Noten verteilen.

Und vielleicht ist genau das die Frage dieses Sonntags:

Welchen Zeugnissen glaube ich eigentlich?

Glaube ich nur den Zeugnissen, die andere mir ausstellen?
Dem Urteil der Schule, der Arbeit, der Familie, der Gesellschaft?
Oder glaube ich auch dem Zeugnis Gottes über mein Leben?

Und dieses Zeugnis lautet nicht: perfekt.
Es lautet: geliebt.

Nicht: fehlerlos.
Sondern: getragen.

Nicht: immer stark.
Sondern: nicht allein.

Jesus sagt: „Lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig.“

Vielleicht ist das die eigentliche Reifeprüfung des Lebens:
nicht immer besser, schneller, stärker werden — sondern gütiger.
Nicht härter werden — sondern menschlicher.
Nicht andere kleinmachen, um selbst größer zu wirken.
Sondern Lasten leichter machen.

Für Kinder und Jugendliche am Schuljahresende heißt das:
Du bist nicht deine Note.

Für Eltern heißt es:
Mach aus einem Zeugnis kein Urteil über ein ganzes Kind.

Für Erwachsene heißt es:
Hör auf, dein Leben nur nach fremden Maßstäben zu bewerten.

Und für uns als Gemeinde heißt es:
Wir sollen ein Ort sein, an dem Menschen nicht noch mehr Last aufgelegt bekommen.
Sondern ein Ort, an dem sie aufatmen dürfen.

„Kommt alle zu mir“, sagt Jesus.

Alle, die müde sind.
Alle, die Druck spüren.
Alle, die Angst haben, nicht zu reichen.
Alle, die gerade etwas abschließen.
Alle, die neu anfangen müssen.
Alle, die nicht wissen, ob sie den Erwartungen genügen.

Jesus sagt nicht: Bring erst ein gutes Zeugnis mit.
Er sagt: Komm.

Und vielleicht ist das die beste Nachricht dieses Sonntags:

Gott benotet dich nicht.
Gott hält dich.

Amen.

Kinderlärm ist ein Lebenszeichen

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„Eine Kirche, die keinen Kinderlärm verträgt, wird bald sehr still werden.
Aber nicht die gute Art.“

Ich glaube, in diesem Satz steckt mehr Wahrheit,
als manchen lieb ist.

Denn natürlich:
Kinder sind nicht immer andächtig.
Sie flüstern nicht automatisch auf Weihrauch-Niveau.
Sie schreien auch mal.
Sie quengeln.
Sie rutschen auf der Bank hin und her.
Sie wollen plötzlich genau dann aufs Klo,
wenn es liturgisch am ungünstigsten ist.
Sie stellen Fragen an Stellen,
an denen Erwachsene sich seit Jahren erfolgreich angewöhnt haben,
keine Fragen mehr zu stellen.

Kurz:
Kinder benehmen sich in der Kirche oft wie Kinder.

Ein Skandal.
Offenbar.

Manchmal hat man ja den Eindruck,
einige Menschen wünschen sich Familiengottesdienste ungefähr so:
Bitte mit Kindern,
aber ohne kindliches Verhalten.

Also gerne klein, süß, geschniegelt,
beim Einzug nett anzuschauen,
beim Auszug fototauglich,
dazwischen aber möglichst geräuscharm,
bewegungslos
und innerlich schon auf dem spirituellen Niveau einer Trappistin mit 40 Jahren Klausurerfahrung.

Viel Glück damit.

Denn die Wahrheit ist doch:
Lebendige Kirche klingt nicht immer schön.

Sie klingt manchmal unruhig.
Sie klingt manchmal schief.
Sie klingt manchmal nach umfallendem Gotteslob,
nach raschelnder Bonbon-Tüte,
nach „Mama, wann ist das vorbei?“
und nach einem Kleinkind,
das ausgerechnet während der Wandlung die akustische Reichweite seiner Stimme testet.

Ja.
Kann anstrengend sein.

Aber wisst ihr, was noch anstrengender ist?

Eine Kirche,
in der zwar alles würdevoll still ist,
aber niemand mehr nachwächst.

Eine Kirche,
in der die Bankreihen geschniegelt sind,
aber leer.

Eine Kirche,
in der sich niemand gestört fühlt,
weil außer dem Organisten und drei Hochtreuen
ohnehin niemand mehr da ist,
der stören könnte.

Das ist dann die saubere Variante von Untergang:
liturgisch ordentlich,
akustisch angenehm,
pastoral tot.

Und das meine ich gar nicht böse.
Naja.
Vielleicht ein kleines bisschen.

Aber es ist doch verrückt:
Wir beten zu einem Gott,
der Mensch geworden ist,
wirklich Mensch,
mitten hinein ins echte Leben,
nicht in eine lärmisolierte Andachtsblase,
und dann tun wir manchmal so,
als sei das größte Problem des Christentums
ein dreijähriges Kind mit Bewegungsdrang.

Ich sage es mal sehr deutlich:
Kinderlärm ist kein Störgeräusch der Kirche.
Kinderlärm ist ein Lebenszeichen.

Natürlich heißt das nicht,
dass alles egal ist.
Natürlich darf man Kindern etwas erklären.
Natürlich dürfen Eltern auch mal rausgehen,
wenn es gerade wirklich gar nicht mehr geht.
Natürlich braucht es Rücksicht.
Das ist doch gar nicht die Frage.

Die Frage ist:
Wie schauen wir auf solche Situationen?

Mit dieser typischen Mischung aus genervter Strenge und innerem Augenrollen?
Also nach dem Motto:
Könnte man das Kind bitte entfernen,
es beeinträchtigt gerade meine persönliche Hochform sakraler Konzentration?

Oder mit dem Gedanken:
Da ist ein Kind.
Da ist Leben.
Da ist Zukunft.
Da ist eine Familie,
die überhaupt gekommen ist.

Und ganz ehrlich:
Allein dafür müsste man manchmal schon fast eine Kerze mehr anzünden.

Denn wir reden in der Kirche wahnsinnig viel darüber,
wie wir Familien erreichen,
wie wir junge Menschen halten,
wie wir Glauben weitergeben,
wie Kirche Zukunft haben kann.

Und wenn sie dann mal da sind,
die Familien,
die Kinder,
das echte Leben,
dann reagieren manche,
als hätte jemand einen Pitbull im Taufbecken freigelassen.

Vielleicht müssen wir uns einfach ehrlich machen:
Manche wollen gar keine lebendige Kirche.
Sie wollen eine ruhige.

Und das ist nicht dasselbe.

Eine ruhige Kirche kann schön sein.
Eine stille Kirche kann heilig sein.
Ich liebe Stille.
Wirklich.

Aber Stille ist etwas anderes als Kinderfeindlichkeit in frommem Gewand.

Und manchmal wird genau das verwechselt.

Dann nennt man es „Andacht“,
meint aber eigentlich:
Bitte nichts, was mich aus meinem gewohnten religiösen Komfort holt.

Dann nennt man es „Würde“,
meint aber:
Bitte keine Menschen,
die sich noch nicht perfekt in unsere ungeschriebenen Kirchenregeln eingepasst haben.

Dann nennt man es „Ehrfurcht“,
meint aber oft nur:
Bitte benehmt euch so,
dass meine Vorstellung von Ordnung nicht gestört wird.

Und ja,
ich überzeichne ein bisschen.
Aber leider auch nicht ganz.

Denn wenn Kirche für Kinder nur dann offen ist,
wenn sie sich benehmen wie kleine Erwachsene,
dann ist sie nicht kinderfreundlich.
Dann ist sie dekorationsfreundlich.

Aber Kinder sind keine Deko.
Sie sind auch kein pastoral hübsches Beiwerk.
Sie sind nicht die niedliche Randerscheinung zwischen Kyrie und Segen.

Sie sind Menschen.
Mit Würde.
Mit Bewegungsdrang.
Mit Fragen.
Mit Lautstärke.
Mit echtem Leben.

Und vielleicht ist genau das die Zumutung,
die Kirche aushalten muss:
Dass Zukunft nicht geschniegelt hereinkommt.

Dass Zukunft laut sein kann.
Unruhig.
Unplanbar.
Manchmal nervig.
Oft wunderbar.
Und meistens beides gleichzeitig.

Ich glaube,
wir müssten in Kirche viel öfter unterscheiden zwischen dem,
was wirklich stört,
und dem,
was uns nur irritiert,
weil wir Kontrolle gewohnt sind.

Ein Kind,
das lacht,
fragt,
zappelt oder quengelt,
ist nicht automatisch respektlos.

Vielleicht ist es einfach ein Kind in einem Raum,
in dem es noch lernen darf,
dass es dazugehören soll.

Und mal ehrlich:
Wie soll das denn gehen,
wenn es jedes Mal spürt,
dass es eigentlich nur unter Vorbehalt willkommen ist?

Willkommen,
solange du leise bist.
Willkommen,
solange du nichts durcheinanderbringst.
Willkommen,
solange man dich kaum bemerkt.

Das ist keine Gastfreundschaft.
Das ist Duldung.

Und Duldung hat noch nie Liebe entstehen lassen.

Wenn Kirche Zukunft will,
dann muss sie Lärm aushalten können.
Nicht jeden Lärm.
Aber den Lärm des Lebens.
Den Lärm von Kindern.
Den Lärm von Familien.
Den Lärm von echtem Menschsein.

Sonst bleibt am Ende tatsächlich nur Stille.

Aber eben nicht die gute Art.

Nicht die Stille,
in der Gott spricht.
Sondern die Stille,
in der einfach niemand mehr da ist.

Missio Canonica und andere Extremsportarten

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Manche Tage im Schulalltag haben eine Dramaturgie, die man sich nicht ausdenken könnte. Würde man sie in einem Drehbuch einreichen, käme vermutlich die Rückmeldung: „Etwas unrealistisch. Bitte weniger übertreiben.“

Mein Tag begann würdevoll. Wirklich. Wortgottesdienst in der Gemeinde. Schriftlesung, Gebet, Segen, geistliche Sammlung. Man steht da, spricht vom Leben, von Gott, von Hoffnung, von Verantwortung. Man versucht, Worte zu finden, die Menschen tragen können.

Ein paar Stunden später steht man auf einem Schulgelände und diskutiert ernsthaft darüber, ob Toilettenaufsicht bei den Bundesjugendspielen eigentlich ein Karriereschritt ist.

Spoiler: natürlich ist sie das.

Zumindest, wenn man sehr tief in die pädagogische Theologie des Schulalltags eingestiegen ist.

Denn Schule ist selten Hochglanzpädagogik. Schule ist nicht nur Konzeptpapier, Leitbild und Fortbildung mit Moderationskarten. Schule ist auch: „Herr B., unser Lehrer ist nicht da!“ — gerufen von ungefähr 24 Jugendlichen gleichzeitig, wobei jede und jeder sicher ist, dass die eigene Stimme gerade die wichtigste Informationsquelle der Welt ist.

Also erstmal: Luft holen. Alle.

Welche Klasse? Welcher Lehrer? Ist Entfall eingetragen? Nein? Lehrer in Konferenz? Okay.

Dann beginnt die hohe Kunst der schulischen Realpolitik. Ich kann euch nicht einfach früher in die Mittagspause schicken. Ich sehe aber auch nicht, dass ich jetzt noch 15 Minuten spontan die Weltgeschichte rette. Also: Eingangshalle. Sitzen. Reden. Keine Handys. Lautstärke so, dass die Verwaltung weiter arbeiten kann. Wenn es nicht klappt: Klassenraum und Text abschreiben.

Deal?

Deal.

Und erstaunlicherweise klappt es. Nicht perfekt, natürlich. Perfekt ist nur der Stundenplan, bevor der Tag beginnt. Aber es klappt. Zwischendurch muss man erinnern, nachsteuern, Blicke einsetzen, die ungefähr sagen: „Meine Gesichtsfarbe ist noch im weißen Bereich, aber wir nähern uns pädagogisch relevanten Rottönen.“

Ein Schüler, der mich schon aus dem Religionsunterricht kennt, übersetzt das sofort für die anderen:

„Oh ja, dann ist Schluss mit nett und Freiheit.“

Ich hätte es nicht besser sagen können.

Denn genau darum geht es im Schulalltag erstaunlich oft: Freiheit ermöglichen — aber nicht grenzenlos. Verantwortung zutrauen — aber nicht naiv. Locker sein — aber nicht beliebig.

Kurz vorher im Trainingsraum war dieselbe Logik in härterer Form gefragt. Eine Gruppe Unterricht herausgenommen worden, weil die Situation offenbar nicht mehr tragbar war. Als sie bei mir ankamen, war nicht der Moment für eine tiefenhermeneutische Aufarbeitung der Ereignisse. Nicht der Moment für: „Nun erzählt doch mal alle nacheinander, wie ihr euch fühlt.“

Manchmal ist Pädagogik zuerst kein Gesprächskreis, sondern ein Stoppschild.

Also klare Ansage. Stift raus. Reflexionsbogen. Danach Entschuldigungsbrief. Keine Diskussion. Keine Zwischenrufe. Keine große Bühne für „Ich hab aber gar nichts gemacht“. Denn ich kannte keine der Seiten. Ich wusste nur: Diese Schüler konnten gerade nicht mehr im Unterricht bleiben. Und das reichte für den Moment.

Nicht, um Schuld endgültig zu klären. Sondern um den Rahmen wiederherzustellen.

Das klingt hart. War es auch. Aber Härte ist nicht automatisch Unpädagogik. Entscheidend ist, ob sie demütigt — oder ob sie ordnet. Ob sie Beziehung abbricht — oder Beziehung später wieder möglich macht.

Nachher, in der Mittagspause, kann man anders sprechen. Dann kann man zuhören. Dann kann man ihre Sicht hören. Dann darf auch wieder Menschlichkeit durch die Tür kommen. Aber in der akuten Eskalation braucht es manchmal zuerst Klarheit.

Vielleicht ist das eine der großen Wahrheiten von Schule: Beziehung ohne Grenze wird beliebig. Grenze ohne Beziehung wird kalt. Die Kunst liegt darin, beides zusammenzuhalten.

Und dann gibt es diese anderen Momente. Die leichten.

In der Pause kommen Schülerinnen auf mich zu.

„Wie geht es Ihnen?“ „Gut. Und euch?“ „Auch gut. Wollen Sie uns nicht eine Freistunde geben?“ Natürlich. Weil genau so Unterrichtsplanung funktioniert. Drei charmante Gesichter, ein bisschen Hoffnung im Blick, und zack: Erdkunde entfällt.

Ich frage also: „Warum sollte ich das tun? Gebt mir einen guten Grund.“ „Weil wir alle so tolle Präsentationen gemacht haben.“ „Alle?“ „Ja, alle!“ „Wirklich alle?“

Kurze Pause.

„Ja, naja… okay… nevermind.“ Manchmal reicht eine Frage. Sokrates hätte seine Freude gehabt. Oder zumindest sehr gelacht.

Dann erzählen sie von den Bundesjugendspielen am nächsten Tag. Auch daraus ergibt sich nach ihrer Logik natürlich ein Anspruch auf Freistunde. Die Argumentationskette ist ungefähr: Morgen Sportfest, heute Entlastung, Erdkunde als Kollateralschaden.

Ich erkläre, dass ich morgen auch dort sein muss. „Echt? Welche Klasse?“ Ich sage: „Ich habe den besten Job überhaupt.“ Meine Kollegin beginnt schon zu lachen.

„Was denn?“ „Toilettenaufsicht.“ Fassungslosigkeit. Sprachlosigkeit. Dann: „Cüüüüüs, das ist doch nicht der beste Job!“ Doch, sage ich. Ich muss mich nicht groß bewegen.

Das ist natürlich gelogen. Innerlich bewegt man sich bei Jungstoilettenaufsicht vermutlich sehr viel. Zwischen Hoffnung, Furcht, Dienstpflicht und der Frage, ob sich dafür wirklich die langen Monate der Missio-Ausbildung gelohnt haben.

Aber vielleicht liegt genau darin die Pointe. Denn christlicher Dienst ist selten glamourös. Das Evangelium findet auch nicht nur dort statt, wo Kerzen brennen, Orgeln klingen und alle andächtig gucken. Es findet manchmal dort statt, wo jemand dafür sorgt, dass Jugendliche nicht im Pulk eskalieren, dass ein Kollege entlastet wird, dass eine Gruppe in der Eingangshalle ihre Freiheit nicht überzieht, dass Schülerinnen in der Pause lachen können — und ja, vielleicht auch dort, wo jemand bei den Bundesjugendspielen vor der Jungstoilette steht und pädagogisch-präventive Präsenz im sanitären Grenzbereich zeigt.

Das klingt absurd. Ist es auch.

Aber Schule ist oft absurd. Auf eine komische, anstrengende, manchmal wunderschöne Weise. Man beginnt den Tag mit einem Wortgottesdienst und endet gedanklich bei Bundesjugendspielen. Man spricht morgens von Hoffnung und nachmittags von Handyverbot. Man erklärt Jugendlichen, dass Linienrichter Vorbilder sind, weil zwei Schüler provozierend „rote Karte“ spielen — und dann machen sie es plötzlich wirklich gut. Man gibt Verantwortung in kleinen Portionen, manchmal mit einem Augenzwinkern, manchmal mit klarer Kante.

Vielleicht ist das genau der Punkt: Pädagogik passiert nicht nur in den großen geplanten Momenten. Sie passiert im Dazwischen. Auf dem Flur. In der Pause. In der Eingangshalle. Im Trainingsraum. Am Rand eines Sportfestes. Dort, wo Jugendliche testen, ob Erwachsene wirklich meinen, was sie sagen. Dort, wo man Freiheit gibt und Grenzen hält. Dort, wo Humor manchmal mehr bewirkt als eine Standpauke — und eine Standpauke manchmal nötig ist, damit Humor später überhaupt wieder möglich wird.

Theologisch gesagt: Inkarnation bedeutet, dass Gott nicht abstrakt geblieben ist. Nicht fern, nicht sauber sortiert, nicht nur als Idee. Sondern mitten hinein in diese Welt. In Staub, Streit, Körperlichkeit, Missverständnisse, Müdigkeit, Hunger, Lärm und Menschen, die alle gleichzeitig reden. Schule ist dafür ein hervorragender Übungsort.

Denn wer glaubt, Seelsorge bestehe nur aus ruhigen Gesprächen bei Tee und Kerzenschein, war vermutlich noch nie in einer neunten Klasse kurz nach der Mittagspause. Und wer glaubt, Berufung fühle sich immer erhebend an, hatte vermutlich noch nie Toilettenaufsicht bei den Bundesjugendspielen.

Aber vielleicht ist genau das Berufung im Alltag: Da sein. Ansprechbar sein. Grenzen setzen. Lachen können. Nicht weglaufen, wenn es laut wird. Menschen nicht auf ihr Verhalten reduzieren, aber Verhalten auch nicht schönreden. Den Rahmen halten, damit Beziehung möglich bleibt.

Und wenn dann ein Schüler sagt: „Dann ist Schluss mit nett und Freiheit“, dann ist das vielleicht gar kein schlechtes pädagogisches Zeugnis Denn vorher war ja nett. Und vorher war Freiheit. Nur eben nicht grenzenlos.

Morgen also Bundesjugendspiele. Jungstoilette. Bester Job.

Missio Canonica praktisch angewendet.

Beten Sie für mich.

Predigt zu Pfingsten

Apg 2,1–11 / Joh 20,19–23

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Liebe Schwestern und Brüder,

die Jünger sitzen hinter verschlossenen Türen.

So beginnt das Evangelium heute. Nicht mit Mut. Nicht mit Begeisterung. Nicht mit großen Plänen. Sondern mit Angst.

Und genau dort hinein kommt Jesus.

Er wartet nicht, bis die Jünger stark genug sind.
Er wartet nicht, bis sie alles verstanden haben.
Er kommt mitten hinein in ihre Unsicherheit und sagt:

„Friede sei mit euch.“

Das ist das Erste. Nicht Druck. Nicht Vorwurf. Nicht Leistung.
Sondern Frieden.

Dann zeigt Jesus ihnen seine Wunden. Auch der Auferstandene trägt noch Spuren dessen, was wehgetan hat. Aber diese Wunden haben nicht mehr das letzte Wort.

Und dann sagt Jesus:

„Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“

Er haucht sie an:

„Empfangt den Heiligen Geist.“

Pfingsten heißt also:
Menschen bleiben nicht hinter verschlossenen Türen.
Gottes Geist macht Mut. Gottes Geist schenkt Atem.
Gottes Geist öffnet Wege.

Davon erzählt auch die Apostelgeschichte:
Menschen aus vielen Ländern, mit vielen Sprachen, verstehen einander plötzlich.

Nicht, weil alle gleich werden. Sondern weil Gottes Geist Brücken baut.

Und das könnte heute eine der wichtigsten Fragen sein:

Welche Sprache verstehen die Menschen heute?

Nicht alle verstehen Kirchensprache. Nicht alle kommen selbstverständlich in unsere Gottesdienste. Nicht alle wissen, was Pfingsten bedeutet.

Aber viele verstehen die Sprache der Hilfe.
Die Sprache der Nähe. Die Sprache: „Du bist nicht allein.“

Ich habe das in den letzten Wochen bei LiveForLifeTV erlebt, einem Charityprojekt auf Twitch, bei dem ich ehrenamtlich im Team mitarbeite.

Da kommen Menschen im Internet zusammen: Streamer:innen, Zuschauer:innen, Communities. Es wird gespielt, gechattet, gelacht — und gesammelt.

In dieser Staffel für Herzenswünsche e.V., also für schwer erkrankte Kinder und Jugendliche.
Für Kinder, deren Alltag oft von Krankheit, Krankenhaus und Sorgen geprägt ist.
Und durch diese Aktion wurden knapp 148.000 Euro gespendet.

Das ist beeindruckend. Aber noch beeindruckender ist für mich, was dahintersteht:

Menschen lassen sich berühren. Menschen helfen gemeinsam.
Menschen nutzen ihre Zeit, ihre Reichweite, ihre Möglichkeiten und das Internet, damit andere einen Moment Freude erleben dürfen.

Ein Herzenswunsch. Ein Lächeln. Ein Stück Hoffnung.

Und da wird es für mich pfingstlich.

Denn Pfingsten heißt: Gottes Geist findet Wege zu den Menschen.

Manchmal in der Kirche. Manchmal in der Schule.
Manchmal im Seniorenheim. Manchmal in einem Krankenzimmer.
Und manchmal eben auch im Internet.

„Ein Diakon im Internet?“ Ja. Warum eigentlich nicht?

Wenn Kirche gesendet ist, dann darf sie nicht nur dort sein, wo wir sie gewohnt sind.
Dann muss sie dahin, wo Menschen leben, fragen, hoffen, lachen, leiden und Hilfe brauchen.

Pfingsten erinnert uns:
Gottes Geist ist nicht eingesperrt. Er weht, wo Menschen Frieden bringen.
Wo Menschen Mut machen. Wo Menschen Brücken bauen.
Wo Liebe konkret wird.

Vielleicht verstehen Menschen heute genau diese Sprache am besten:

Nicht große Worte. Sondern konkrete Liebe.

Und so sendet Jesus auch uns:

Nicht perfekt. Nicht ohne Angst. Aber mit seinem Frieden.
Mit seinem Geist. Und mit dem Auftrag, Hoffnung weiterzugeben.

Amen.

Dies ist die Nacht

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„Dies ist die Nacht.“

Und wenn wir ehrlich sind:
Nächte kennen wir.

Nächte, in denen man nicht schlafen kann.
Nächte voller Gedanken.
Nächte, in denen Sorgen laut werden.
Nächte, in denen etwas zu Ende geht.

Die Jünger kennen so eine Nacht.
Alles ist vorbei.
Jesus tot.
Hoffnung begraben.

Und genau in so eine Nacht hinein
spricht die Kirche:

Dies ist die Nacht.

Nicht: Das war einmal.
Sondern: Diese Nacht.

Die Nacht, in der sich etwas dreht.
Leise.
Unscheinbar.
Fast unbemerkt.

Kein großes Spektakel.
Kein lauter Knall.

Sondern ein leeres Grab.
Ein erster Lichtstrahl.
Ein vorsichtiges Staunen.

Ostern beginnt nicht im Hellen.
Ostern beginnt im Dunkeln.

Und genau das ist die Hoffnung:
Dass Gott gerade da anfängt,
wo wir nichts mehr erwarten.

Wo alles zu ist.
Wo alles vorbei scheint.
Wo wir sagen: „Das war’s.“

Da sagt Gott:
Nein. Noch nicht.

„Dies ist die Nacht.“

Die Nacht, in der der Tod nicht das letzte Wort hat.
Die Nacht, in der neues Leben leise beginnt.
Die Nacht, die heller wird – Schritt für Schritt.

Vielleicht ist das unsere Einladung heute:
Nicht so tun, als wäre alles leicht.
Aber darauf vertrauen,
dass selbst unsere dunkelsten Nächte
nicht ohne Morgen bleiben.

Denn diese Nacht
ist nicht nur damals.

Sie ist auch heute.

Ihnen und Euch allen – Frohe und gesegnete Ostern!

Karsamstag – Barabbas geht frei

Bild von Martina auf Pixabay

Karsamstag ist ein seltsamer Tag.

Nichts passiert. Kein Kreuz mehr. Noch keine Auferstehung.

Ein Tag dazwischen. Ein Tag der Stille.

Und genau in diese Stille hinein gehört eine Szene, die wir schnell übergehen:

Da steht ein Mensch. Schuldig. Verurteilt.

Barabbas.

Und dann passiert das Unfassbare: Er geht frei.

Nicht, weil er unschuldig wäre. Nicht, weil er sich gerechtfertigt hätte.
Nicht, weil sich alles aufgeklärt hat.

Sondern weil ein anderer seinen Platz einnimmt.

Jesus Christus bleibt zurück.


Karsamstag ist genau der Tag,
an dem wir das aushalten müssen:

Dass wir Barabbas sind.

Dass wir gehen dürfen. Und einer bleibt.

Ohne Erklärung. Ohne Auflösung. Ohne sofortiges „alles wird gut“.

Nur diese eine Wirklichkeit:

Ich lebe.
Er ist tot.


Karsamstag stellt keine schnellen Antworten bereit.
Er drängt keine Deutung auf.

Er lässt uns einfach stehen zwischen Schuld und Freiheit.

Zwischen dem, was war und dem, was vielleicht kommt.


Und vielleicht ist genau das der Glaube an diesem Tag:

Nicht zu verstehen. Nicht zu erklären.

Sondern leise zu begreifen:

Ich bin frei. Nicht, weil ich es verdient habe.
Sondern weil einer geblieben ist.

Und morgen… wird sich zeigen, was das bedeutet.

Karfreitag

Bild von Michael Henkel auf Pixabay

Heute ist kein lauter Tag.

Heute ist einer von diesen Tagen,
an denen man merkt:
Das Leben kann kippen.

Es gibt Tage, da bricht etwas weg.
Da hält nichts mehr.
Da passen keine schnellen Antworten.

Karfreitag ist so ein Tag.

Jesus hängt am Kreuz.
Nicht als Held.
Nicht als Sieger.
Sondern ausgeliefert.
Verletzt.
Am Ende.

Und das ist schwer auszuhalten.
Weil wir das kennen.

Diese Momente,
wo man nichts mehr schönreden kann.
Wo man einfach nur noch da steht –
oder sitzt –
oder zusammenbricht.

Und genau da ist Gott.

Nicht drüber.
Nicht daneben.
Sondern drin.

Im Schmerz.
In der Ohnmacht.
In diesem „Ich kann nicht mehr“.

Karfreitag sagt nicht: „Alles wird gut.“
Karfreitag sagt:
Du bist nicht allein, wenn es nicht gut ist.

Vielleicht ist das die leise Hoffnung dieses Tages:
Dass selbst im Dunkel einer mitgeht.
Dass selbst im Ende einer noch da ist.

Still.
Aushaltend.
Mit uns.

Katechese zum Gründonnerstag

Bild von Shaun auf Pixabay

Wenn ich euch frage:
Was gehört zu einem großen, festlichen Essen?

Dann kommen wahrscheinlich Antworten wie:
Gutes Essen. Kerzen. Schön gedeckter Tisch. Vielleicht sogar neue Kleidung.

Heute Abend passiert auch ein solches Essen. Ein besonderes Essen.
Jesus sitzt mit seinen Freunden am Tisch. Und dann passiert etwas…
was überhaupt nicht passt.

Jesus steht auf. Er legt sein Gewand ab.
Er nimmt ein Handtuch.Er kniet sich hin.

Und er fängt an, seinen Freunden die Füße zu waschen.


Ich glaube, wir müssen kurz ehrlich sein:

Das ist nicht nur „ungewöhnlich“. Das ist peinlich. Das ist unangenehm.
Das ist verkehrt herum.

Denn normalerweise gilt:

Der Große wird bedient.
Der Wichtige lässt bedienen.
Der Lehrer lässt sich ehren.

Aber Jesus macht genau das Gegenteil.

Er dient.
Er kniet.
Er wird klein.


Und jetzt kommt der entscheidende Punkt.

Jesus macht das nicht einfach nur, weil er nett ist.
Oder weil er zeigen will, dass man freundlich sein soll.

Er sagt danach:

„Ich habe euch ein Beispiel gegeben.“

Das heißt:
So soll euer Leben aussehen.


Und jetzt wird es spannend – gerade für euch, liebe Kommunionkinder.

Ihr bereitet euch gerade auf ein großes Fest vor. Auf eure Erstkommunion.

Da geht es um ein besonderes Brot. Um Gemeinschaft. Um Jesus.

Aber heute zeigt Jesus uns:
Dieses Brot gehört untrennbar zusammen mit diesem Handtuch.


Das Brot sagt:
„Ich bin bei euch.“

Das Handtuch sagt:
„Ich bin für euch da.“


Und beides gehört zusammen.

Du kannst nicht sagen: „Ich gehe zur (Erst)-Kommunion“
… und gleichzeitig sagen: „Mit den anderen hab ich nichts zu tun.“

Du kannst nicht sagen:
„Ich glaube an Jesus“ … und gleichzeitig sagen: „Die anderen sind mir egal.“


Jesus zeigt uns heute:

Glaube passiert nicht nur hier vorne am Altar.
Glaube passiert im Alltag.
Glaube passiert da, wo du dich klein machst für andere.


Vielleicht ganz konkret:

  • Wenn du jemanden tröstest, der traurig ist
  • Wenn du jemanden mitspielen lässt, der sonst allein ist
  • Wenn du dich entschuldigst, obwohl es schwer fällt
  • Wenn du hilfst, ohne dass dich jemand darum bittet

Dann passiert genau das, was Jesus heute getan hat.


Und ich glaube, genau darin liegt die Größe dieses Abends.

Nicht im großen Essen. Nicht im besonderen Moment.

Sondern darin, dass Gott sagt:

„Ich knie mich vor dich hin.“
„Ich bin für dich da.“
„Ich liebe dich – bis ganz nach unten.“


Und dann dreht Jesus den Spieß um. Er sagt:

„Jetzt seid ihr dran.“


Und vielleicht ist das die wichtigste Frage für heute Abend:

Wo kannst du in deinem Alltag ein kleines Handtuch-Moment haben?


Für euch, liebe Kommunionkinder, heißt das:

Wenn ihr bald zur Kommunion geht,
dann denkt nicht nur an das Brot.

Denkt auch an das Handtuch.

Denn genau da wird sichtbar,
dass Jesus wirklich in eurem Leben angekommen ist.