
Ich gebe es zu: Wenn ich auf der Gamescom bin, dann lasse ich für ein, zwei Tage mein „Seelsorge-Hirn“ im Standby-Modus. Dann darf ich einfach mal Kind sein – zwischen alten Arcade-Automaten, Indie-Games und der schieren Wucht der Gaming-Kultur. Auf meinem Rücken steht mein Twitch-Nick, vorne das Besucherband, und irgendwann kommt es dann doch raus: Ja, ich bin Diakon.
Die Reaktion? Meistens ein erstauntes „Echt jetzt? Dürfen Diakone überhaupt zocken?“ – so als sei der Xbox-Controller eine moderne Form der Sünde. Aber genau da liegt der spannende Punkt: Gaming ist längst ein Teil unserer Lebenswelt. Community, Fairness, Welten voller Symbole und Geschichten, die Sehnsucht nach Erlösung – das sind keine Fremdwörter für die Kirche, das sind uralte Themen, die wir nur verlernt haben, zeitgemäß zu erzählen.
Und dann die Kirche auf der Gamescom: Ja, es gibt Stände. Wenige. Man muss sie suchen. Ich fand das cool – aber eben auch dünn. So, als wolle man sagen: „Schaut her, wir sind auch irgendwie digital“, ohne zu begreifen, dass hier hunderttausende Jugendliche und junge Erwachsene nicht nur spielen, sondern Gemeinschaft, Sprache, Kultur leben. Wer meint, mit einem Info-Stand die Herzen zu erreichen, hat das Game noch nicht verstanden.
Die Chancen liegen woanders: Da sein. Zuhören. Gespräche führen, statt sofort Antworten parat zu haben. Phänomene wie Hate-Speech nicht nur beklagen, sondern mit den Communities nach Wegen suchen, wie man besser miteinander umgeht. Vielleicht nicht mit Weihwasser am VR-Headset, aber mit echtem Interesse daran, wie Menschen heute leben, lachen, leiden.
Kirche und Gamescom – das passt zusammen. Aber nur, wenn Kirche den Mut hat, sich nicht selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Geschichten, die hier erzählt werden, ernst zu nehmen. Wenn Kirche lernt, nicht nur über Jugendliche zu reden, sondern mitten unter ihnen zu sein – ja, auch im Cosplay, am Retro-Automaten oder zwischen Indie-Titeln.
Denn am Ende geht es nicht nur ums Zocken. Wer in diese virtuellen Welten eintaucht, spürt Sehnsucht: nach Gerechtigkeit, nach einem Happy End, nach einer Gemeinschaft, die trägt. All das sind zutiefst biblische Themen. Die Vision vom Reich Gottes – eine Welt ohne Hass, voller Hoffnung und mit Platz für alle – klingt gar nicht so anders wie die großen Quests vieler Games. Nur: Das Reich Gottes ist kein Level, das man allein freischaltet. Es wächst da, wo Menschen real füreinander da sind. Vielleicht ist genau das die eigentliche Brücke zwischen Gamescom und Kirche.