Wo Neues aus den Rissen wächst

Predigt zu Esra 9,5-9 + Lk 9, 1-6

Liebe Schwestern und Brüder,

Esra steht vor Gott – mit leeren Händen, zerknirscht, schuldbewusst. Er schaut zurück auf die Fehler seines Volkes. Er sagt nicht: „Schwamm drüber, das war einmal.“ Er sagt: Wir tragen Schuld. Und trotzdem: Gott hat uns nicht fallen lassen. Er schenkt einen neuen Halt.

Das ist unbequem. Denn es heißt: Wer Zukunft will, muss die Vergangenheit ernst nehmen. Wer neu anfangen will, darf nicht verdrängen.

Wir haben das in unserer Gesellschaft auf schmerzliche Weise gelernt. Nach den dunkelsten Kapiteln unserer Geschichte war es ein langer Weg, Verantwortung zu übernehmen, Schuld nicht zu verschweigen, sondern ins kollektive Gedächtnis einzuschreiben. Das hat uns geprägt – und es war heilsam.

Aber: Wir spüren, dass diese Erinnerung brüchig wird. Immer öfter hört man Stimmen, die sagen: „Man wird ja wohl mal wieder stolz sein dürfen. Man muss doch auch mal nach vorne schauen.“ Es klingt verlockend, aber es ist gefährlich. Denn wo Schuld relativiert wird, da wächst der Boden, auf dem alte Muster neu aufblühen. Wo einfache Antworten gegeben werden, werden Menschen ausgegrenzt. Wo Angst und Abgrenzung regieren, da stirbt die Freiheit.

Hier wird die Bibel sehr aktuell:

  • Esra sagt: Schuld darf nicht verdrängt werden – sonst hat sie Macht über uns.
  • Jesus sagt: Ihr sollt nicht mit Macht auftreten, sondern verletzlich, abhängig, vertrauend.

Das ist das Gegenteil dessen, was gerade wieder laut wird. Die Versuchung ist groß, Stärke über andere auszuspielen, Grenzen zu ziehen, Feindbilder zu schaffen. Jesus aber sendet seine Jünger, um Frieden zu bringen – nicht Waffen. Um Nähe zu schenken – nicht Mauern zu bauen.

Es geht also nicht nur um die Vergangenheit. Es geht um heute. Es geht darum, wie wir als Gesellschaft leben wollen:

  • Wollen wir uns leiten lassen von Angstparolen, die Menschen spalten?
  • Oder lassen wir uns leiten von Gottes Geist, der Versöhnung schafft?

Kirche hat hier eine klare Aufgabe: nicht schweigen, wenn Menschen gegeneinander ausgespielt werden. Nicht neutral bleiben, wenn Würde mit Füßen getreten wird. Sondern prophetisch reden – unbequem, deutlich, liebevoll, aber entschieden.

Esras Gebet und Jesu Sendung erinnern uns: Wir leben nicht aus Schuldverdrängung, nicht aus Macht, nicht aus Angst. Wir leben aus Gottes Treue. Aus seiner Vergebung. Aus der Hoffnung, dass eine andere Welt möglich ist.

Und genau das dürfen und sollen wir bezeugen. Auch wenn es anstrengend ist. Auch wenn es Gegenwind gibt. Gerade dann.

Amen.

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