40 Jahre „Ganz unten“ – und wir?

Vor genau 40 Jahren erschien ein Buch, das Deutschland erschüttert hat:
„Ganz unten“ von Günter Wallraff.
Ein Journalist, der sich als türkischer Gastarbeiter „Ali“ ausgab, um zu zeigen, wie Menschen in den 1980er-Jahren in unserem Land behandelt wurden – Menschen, die schufteten, ohne gesehen zu werden.
Die unsere Straßen bauten, Fabriken am Laufen hielten, Müll sortierten, Nachtschichten schoben – und trotzdem nie wirklich dazugehörten.
„Ganz unten“ eben.

Vierzig Jahre später:
Hat sich was geändert?

Natürlich – vieles.
Aber auch: erstaunlich wenig.
Es gibt kaum noch Kohlegruben, wenige Stahlwerke mit unglaublicher Hitze, kaum Wohnbaracken am Stadtrand.
Aber es gibt immer noch Menschen, die ganz unten sind:
Leute mit befristeten Jobs, ohne Wohnung, mit Miniverträgen oder ohne Chance auf Anerkennung ihrer Abschlüsse.
Menschen, die sich den Rücken krumm machen – oder die Hoffnung verloren haben, dass sie überhaupt noch gebraucht werden.
Und manchmal, ganz ehrlich: Menschen, die wir gar nicht mehr sehen wollen.


Die Option für die, die unten sind

In der Theologie gibt es dafür ein großes Wort:
„Option für die Armen.“
Das klingt sperrig, meint aber etwas ganz Einfaches:
Gott hat ein Herz für die, die unten sind.
Jesus steht nicht auf der Seite der Gewinner, sondern mitten unter denen, die kämpfen, zweifeln, schuften oder scheitern.
Er isst mit Zöllnern, redet mit Ausgegrenzten, fasst Leprakranke an.
Er steht – buchstäblich – ganz unten, am Kreuz.
Und gerade da beginnt Gottes Solidarität mit allen, die tief gefallen sind.
Der Himmel öffnet sich von unten.

Deshalb ist „Ganz unten“ für mich mehr als ein journalistisches Buch.
Es ist – im besten Sinn – eine moderne Sozialparabel.
Wallraff ist kein Heiliger, aber er hat das getan, was viele Christ:innen nicht mehr tun: Er ist hingegangen.
Nicht mit frommen Worten, sondern mit offenen Augen.
Er hat sich unter die gestellt, über die sonst gesprochen wurde.


Gott ist nicht nur oben

Ich frage mich manchmal:
Wenn Jesus heute durch Deutschland ginge – wo würde er anhalten?
In den Kirchenbänken am Sonntagmorgen?
Oder an der Bushaltestelle im Regen, wo jemand auf dem Weg zur Nachtschicht sitzt?

„Ganz unten“ erinnert mich daran, dass Glaube immer dort lebendig wird, wo jemand hinschaut, wo andere wegsehen.
Dass Gerechtigkeit da anfängt, wo Menschen merken:
Ich bin gemeint. Ich bin nicht unsichtbar.

Der Psalm 34 sagt:

„Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind.“
Nicht: denen, die alles im Griff haben.
Nicht: denen, die perfekt beten können.
Sondern denen, die am Boden liegen.


Für mich ist das keine Theorie.
Ich sehe jeden Tag, wie dünn der Boden sein kann, auf dem Menschen stehen.
Wie schnell aus „oben“ ein „unten“ wird.
Und wie schwer es ist, wieder aufzustehen – ohne dass jemand die Hand reicht.

Deshalb ist die Erinnerung an Ganz unten auch ein Prüfstein für uns als Kirche.
Sind wir noch bei den Menschen, die unten sind?
Oder sitzen wir längst oben und diskutieren über Strukturen, während andere durchs Raster fallen?

Ich wünsche mir eine Kirche, die wieder mehr nach unten schaut – nicht von oben herab, sondern mitfühlend, solidarisch, mutig.
Eine Kirche, die sagt:
Du bist nicht allein. Du bist gesehen. Und du bist mehr wert, als du glaubst.


Vierzig Jahre Ganz unten – das ist kein nostalgischer Jahrestag.
Es ist ein Spiegel.
Für eine Gesellschaft, die noch immer zwischen „wertvoll“ und „nutzlos“ unterscheidet.
Und für eine Kirche, die sich fragen muss, ob sie wirklich dort ist, wo Jesus heute wäre.

Denn Gott ist nicht nur im Himmel.
Er ist ganz unten.
Und wer dorthin schaut, sieht den Himmel oft klarer als anderswo.

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