
Bild von Gerd Altmann auf Pixabay
Liebe Schwestern und Brüder,
Weihnachten liegt erst einen Tag hinter uns. Vielleicht brennen bei manchen noch die Kerzen. Vielleicht klingt noch ein Lied nach. Vielleicht ist auch schon wieder Stille eingekehrt. Und genau in diese Stille hinein stellt uns die Kirche heute den hl. Stephanus. Das ist kein Zufall. Und es ist auch kein Bruch.
Denn Weihnachten erzählt uns nicht von einer heilen Welt.
Es erzählt davon, wo Gott auftaucht. Nicht im Palast.
Nicht im sicheren Raum. Sondern dort, wo es eng ist.
Wo es zerbrechlich ist. Wo Menschen nicht wissen, wie es weitergeht.
Unsere Krippe in der Fronleichnamskirche in diesem Jahr macht das sehr deutlich:
Ein Kind – nicht in einem Stall, sondern in einer Babyklappe.
Ein Ort, der Schutz verspricht, weil ringsum Not ist.
Und im Hintergrund kein romantisches Dorf,
sondern das Bild einer zerstörten Stadt –
Gaza.
Diese Krippe will nicht schockieren. Sie will wach machen.
Sie sagt: So sieht Armut heute aus.
So sieht Angst heute aus. So sieht Ausgeliefertsein heute aus.
Und sie stellt uns – ganz leise – unser Jahresthema vor Augen:
Achtung: Es könnte Jesus sein.
Der hl. Stephanus passt genau in dieses Bild.
Er war kein Theologe im Elfenbeinturm. Er war kein Machtmensch.
Er war einer, der gesehen hat, wo Menschen zu kurz kommen.
Einer, der sich eingesetzt hat. Einer, der geholfen hat.
Einer, der Verantwortung übernommen hat.
Und genau das bringt ihn in Konflikt.
Nicht, weil er provozieren will. Sondern weil er nicht wegschaut.
Vielleicht kennen wir das aus unserem eigenen Leben.
Wer hinschaut, sieht:
- Kinder, die mit viel weniger starten als andere
- Familien, die trotz Arbeit kaum über die Runden kommen
- Menschen, die im Gesundheitssystem warten, vertröstet werden,
und sich irgendwann fragen: Bin ich überhaupt noch wichtig? - alte Menschen, die Angst haben, zur Last zu fallen
Das sind keine Schlagzeilen. Das sind Lebensgeschichten.
Und mitten in diese Realität sagt unser Glaube:
Achtung: Es könnte Jesus sein.
Stephanus bleibt bei dem, was ihn trägt. Und das ist vielleicht das Entscheidende.
Als es schwer wird, als der Widerstand wächst,
als es gefährlich wird – verhärtet er nicht.
Er wird nicht bitter. Er wird nicht kalt.
Er sieht den Himmel offen. Das ist kein Weglaufen aus dieser Welt.
Das ist ein tiefes Vertrauen:
Mein Leben ist mehr als das, was man mir antut.
Meine Würde kann mir niemand nehmen.
Ich bin gehalten – auch wenn alles wankt.
Viele Menschen hier kennen solche Momente.
Nicht mit Steinen. Aber mit Abschieden.
Mit Krankheit. Mit dem Gefühl, abhängig zu sein.
Mit der Erfahrung, dass Systeme nicht mehr tragen,
die früher selbstverständlich waren.
Und genau da ist diese Geschichte so tröstlich.
Sie sagt nicht: „Streng dich mehr an.“
Sie sagt nicht: „Du musst stark sein.“
Sie sagt:
Du wirst gehalten.
Du bist nicht vergessen.
Dein Leben hat Gewicht.
Jesus sagt im Evangelium:
„Wer standhält bis zum Ende, der wird gerettet.“
Das ist keine Drohung. Das ist ein Versprechen.
Standhalten heißt hier nicht: alles aushalten müssen.
Es heißt: bei dem bleiben, was dem Leben Würde gibt.
Liebe. Mitgefühl. Aufmerksamkeit.
Und vielleicht ist das die Verbindung zwischen Weihnachten, Stephanus und unserer Krippe:
Gott kommt nicht, um die Welt schönzureden.
Er kommt, um mitten drin zu sein.
Im armen Kind. Im kranken Menschen.
Im überforderten Pflegesystem. Im Kind ohne faire Bildungschancen.
Im alten Menschen, der sich fragt, was noch kommt.
Achtung: Es könnte Jesus sein.
Nicht irgendwo weit weg. Sondern ganz nah. Vielleicht sogar neben uns.
Oder in uns selbst.
Und so dürfen wir heute – ganz ruhig – glauben:
Dass Gott unsere Wirklichkeit kennt. Dass er sie nicht verlässt.
Und dass Weihnachten dort weitergeht, wo Menschen einander mit Würde begegnen.
Amen.
Predigt zum Gemeinde-Gottesdienst am 26.12.25 in Haus Marien Linde