
Samstag. Nachrichten. Und dieses Gefühl, das ich echt nicht mag: Kloß im Hals, schwerer Kopf, innerlich laut – obwohl es draußen ganz normal weiterläuft. Die Meldungen über Angriffe auf den Iran haben mich bedrückt und traurig gemacht. Und ich merke: Ich ringe gerade mit einer Spannung, die ich nicht wegschieben will.
Denn ja: Ich halte es für wichtig, dass man das Regime in Teheran nicht verklärt. Wer sich mit der Lage im Iran beschäftigt, wer Stimmen von Frauen, Oppositionellen, von Menschenrechtsorganisationen hört, der weiß: Da geht es nicht um „ein bisschen harte Politik“. Da geht es um Angst, Repression, Gewalt. Und wer Freiheit und Menschenwürde ernst nimmt, kann dazu nicht einfach schweigen.
Aber: Ich kann auch keine Gewalt romantisieren.
Ich höre in diesen Tagen öfter den Gedanken: „Vielleicht ist das der Weg zum Regimewechsel.“ Und ich verstehe, woher das kommt – auch als Sehnsucht nach einem Ende des Unrechts. Aber wenn Regime Change zum militärischen Projekt wird, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass am Ende nicht Freiheit steht, sondern etwas, das noch mehr Menschen frisst: Eskalation, Vergeltung, Kontrollverlust.
Denn so funktionieren Spiralen: Aktion – Rückschlag – nächste Runde. Und jede Runde hat eine eigene Logik: Man muss Stärke zeigen. Man darf nicht „das Gesicht verlieren“. Man muss „abschrecken“. Und während politische Akteure über Signale und Fähigkeiten sprechen, werden aus Signalpolitik sehr schnell echte Menschenleben. Die Spirale endet selten dort, wo man sie begonnen hat.
Und dann ist da noch ein zweiter Gedanke, der mich umtreibt: Selbst wenn man das Regime treffen will – trifft man am Ende nicht zuerst die, die ohnehin schon am Rand stehen? Trifft man nicht die Zivilbevölkerung, Familien, Kinder, Menschen, die selbst unter dem Regime leiden? Und macht man es dem Regime nicht sogar leichter, sich nach innen zu stabilisieren, wenn „der Feind von außen“ plötzlich zur Erzählung wird, mit der man jede Opposition niederdrücken kann?
Das ist nicht naiv. Das ist das, was viele Konflikte der letzten Jahrzehnte gezeigt haben: Ein „von außen“ erzwungener Umbruch kann aus einem Unrechtssystem ein Chaos machen – und Chaos ist keine Freiheit.
Was mich zusätzlich erschüttert: Diese Eskalation trifft eine Region, die ohnehin seit Monaten am Anschlag läuft. Und natürlich wird das, was jetzt passiert, sofort mit Gaza verkoppelt – emotional, politisch, medial. Jede neue Eskalation lädt die vorhandenen Wunden auf. Und genau da wird es gefährlich: Wenn Leid gegeneinander ausgespielt wird. Wenn Menschen anfangen zu rechnen, wer „mehr“ leidet. Wenn Empathie zur Parteifrage wird.
Ich will das nicht. Ich will nicht, dass man Gaza vergisst. Ich will aber auch nicht, dass man Iran nur noch als Spielfeld betrachtet. Und ich will nicht, dass wir – hier in Deutschland – unsere Konflikte importieren, bis sie in Klassenzimmern explodieren.
Denn das ist mein Alltag: Ich stehe montags nicht in Thinktanks. Ich stehe in einer Schule mit besonderen Herausforderungen. In meinen Klassen sitzen Jugendliche, deren Familiengeschichten nach Iran, Irak, Afghanistan zeigen. Manche haben Flucht erlebt. Manche haben Verwandte, die noch dort sind. Und viele haben ein Smartphone, auf dem alles gleichzeitig passiert: Videos, Gerüchte, Kommentare, Schuldzuweisungen – in einer Geschwindigkeit, gegen die ein normaler Schultag erstmal hilflos wirkt.
Und dann passiert etwas, das man in der Debatte gern vergisst: Für Jugendliche ist Weltpolitik oft nicht „weit weg“, sondern plötzlich sehr nah. Nicht als Analyse, sondern als Gefühl. Als Angst. Als Wut. Als Überforderung. Und damit sind wir nicht mehr im Bereich der großen Strategie, sondern bei etwas sehr Konkretem: Wie halten wir Räume stabil, in denen Menschen lernen sollen, obwohl die Welt gerade brennt?
Ich glaube, das ist eine Aufgabe, die man nicht unterschätzen darf. Und ich glaube, wir brauchen dafür drei ganz einfache, aber harte Regeln:
Erstens: Keine Kollektivschuld. Niemand ist verantwortlich für das, was „sein Land“, „seine Religion“, „seine Leute“ tun. Diese Art von Sprache zerstört Beziehungen und macht aus Menschen Symbole.
Zweitens: Gerüchte sind kein Unterrichtsmaterial. Wer heute alles teilt, was sich „irgendwie wahr“ anfühlt, gießt Benzin in eine Situation, die ohnehin schon flackert. Wir müssen wieder lernen, Dinge zu prüfen – oder auch mal auszuhalten, dass wir etwas noch nicht wissen.
Drittens: Wir bleiben menschlich. Das klingt banal, ist aber die eigentliche Zumutung: Menschlich bleiben, wenn die Emotionen kochen. Menschlich bleiben, wenn man selbst bedrückt ist. Menschlich bleiben, wenn man merkt, wie schnell die eigene Sprache härter wird.
Und vielleicht ist das der Punkt, an dem ich persönlich gerade lande: Ich kann das Regime in Teheran nicht romantisieren – aber ich kann auch keinen Krieg romantisieren. Wer Freiheit will, muss die Menschen im Blick behalten, nicht nur die Landkarte. Wer von Regime Change spricht, darf nicht so tun, als wäre das ein „Knopf“, den man drückt. Und wer in solchen Zeiten Verantwortung trägt – in Politik, Medien, Schule, Gemeinde – sollte sich daran messen lassen, ob er Deeskalation überhaupt noch als Tugend kennt.
Wir sind im Ramadan, und in der Fastenzeit: Eigentlich eine Zeit der Sammlung, der Selbstprüfung, des Friedens im Herzen – und im besten Fall auch nach außen. Umso bitterer, wenn die Welt gleichzeitig lauter wird. Vielleicht ist das für uns hier eine Chance, etwas zu üben, was uns gerade fehlt: nicht das schnelle Urteil, sondern die klare Haltung. Nicht das große „Wir erklären die Welt“, sondern das kleine „Wir verhindern, dass sie in unseren Räumen noch mehr brennt“.
Ich bleibe traurig. Ich bleibe bedrückt. Aber ich will nicht abstumpfen. Und ich will nicht, dass am Ende nur Zynismus bleibt.