
Impuls zum 3. Fastensonntag (Lesungen)
Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,
im heutigen Tagesevangelium hören wir davon, dass Jesus mal so richtig ungemütlich wird. Das hat mich lange Zeit ziemlich verstört zurückgelassen. Jesus – der allen Menschen zugewandt ist; der Zuhört; der Gesund-macht wird hier sehr wütend und ungemütlich. Das ist erstmal unverständlich.
Ich habe einmal versucht drei Impulse zu dem Text herauszustellen:
- Was bedeutet diese Tempelaktion für mich; also für den Einzelnen
- Warum war die Tempelaktion eigentlich nötig?
- Was kann die Tempelaktion denn für uns als Christen/ als Gemeinschaft bedeuten?
Was bedeutet diese Tempelaktion für mich; also für den Einzelnen?
Ich bin vor einiger Zeit in der Aachener Innenstadt gewesen und habe einen Kaffee in der Außengastronomie einer Gaststätte in der Nähe des Elisenbrunnen getrunken. Während ich so da saß, kam jemand vorbei, um um Geld zu betteln. Ich habe dem Herrn auch etwas gegeben, aber nur kurz darauf kam der Kellner der Gastronomie heraus, um mir zu sagen, dass ich das zu unterlassen habe. Ich hätte vermutlich nicht viel dazu gesagt, wenn der Kellner nicht so etwas gesagt hätte wie: „Solche Typen kommen sonst immer wieder!“
Daraufhin kam es zu einer längeren – teils lautstarken Diskussion mit dem Kellner, die damit endete, dass ich die Lokalität verlassen sollte. Bis heute bin ich dort nicht mehr gewesen.
Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mir diese abwertenden Worte dermaßen gegen den Strich gingen, dass ich einfach etwas dazu sagen musste, ja sogar lautstark mein Verhalten verteidigte. Das war – im Vergleich zur Tempelaktion Jesu – vielleicht nur ein Aktiönchen, aber was man vielleicht für sich selbst aus dieser Aktion Jesu mitnehmen kann, ist:
- Aufzustehen und das Wort zu ergreifen für seine eigene Überzeugung, für die Menschen, die keine Stimme haben.
- Zustände, so wie sie sind, nicht als gegeben voraussetzen.
Es geht! Anders!
Warum war die Tempelaktion eigentlich notwendig?
Für uns mag es befremdlich klingen, dass im damaligen Tempel Viehhändler und Geldwechsler waren. Zugegeben, die Vorstellung ist auch etwas seltsam, wenn hinten in der Ecke am Weihwasserspender ein Viehhändler Opfertiere anbieten würde oder wenn in der Ecke am Taufbecken ein Geldwechsler seinen Laden betriebe. Aber es war zu der damaligen Zeit üblich, dass Händler und Geldwechsler in einem Bereich des Tempels Opfertiere verkauften und die ausländische Währung in die „Tempelwährung“ wechselten. Dieses Geldwechseln war damals notwendig, weil die anderen Währungen meistens mit Bildern des Kaisers geprägt waren, der sich selbst als Gott verehren ließ. Dieses Bild wollte man im Tempel natürlich nicht haben. Und auch der Verkauf von reinen Opfertieren – also Tieren, die für den Opferkult zugelassen waren – war sicherlich nicht unbedingt verwerflich. Jesus geht es hier um sehr viel mehr. Es geht ihm um den eigentlichen Opferkult. Eine neue Zeit ist angebrochen, es braucht kein Opfer mehr, um Gott in irgendeiner Weise zu besänftigen, es braucht nicht mehr den einen Tempel, um Gottes Nähe zu erfahren.
Jesus ist als Gottes Sohn auf die Welt gekommen, er ist der Ort, das Zentrum, an dem wir Gottes Nähe erfahren können.
Jesus treibt also die Tiere und die Geldwechsler aus dem Tempel, nicht um an einigen Wenigen ein Zeichen zu setzen, sondern um diesem bisherigen Opferkult die Grundlage zu entziehen. Vereinfacht gesagt: Jesus setzt hier ein Zeichen gegen das „das haben wir schon immer so gemacht!“
Es geht! Anders!
Was kann die Tempelaktion denn für uns als Gemeinschaft bedeuten?
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum – Die Kraft des Wandels“
So lautet der Titel des Hungertuches der chilenischen Künstlerin Lilian Moreno Sanchez und es passt sehr gut zu dieser Tempelaktion. „ES geht, Anders! Lautet das Motto der diesjährigen Misereor-Fastenaktion. Das Hungertuch und der Titel der Fastenaktion sind für mich eine Erinnerung an Jesu Tempelaktion. Es erinnert mich daran, dass Wandel möglich ist, ein Bild gegen das typische „das haben wir schon immer so gemacht“.
Oft bekomme ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis zu hören, dass WIR als Kirche uns doch aus der Politik und Gesellschaft raushalten sollen. Das kommt natürlich von Menschen, die nicht mehr viel mit dem christlichen Glauben zu tun haben. WIR als Kirche sollen uns doch lieber um unser Kerngeschäft kümmern und uns in unsere Kirchen und Beichtstühle zurückziehen. Und dann ist es genau diese Bibelstelle, die ich dann gerne zitiere.
Selbstverständlich hat sich Jesus mit der damaligen Gesellschaft angelegt, natürlich hat er Missstände aufgezeigt – innerhalb der damals Gläubigen und auch außerhalb in der damaligen Gemeinschaft – und daraus erwächst für mich auch der Auftrag, kritisch Missstände zu benennen.
Und so sehe ich das heutige Tagesevangelium auch als Aufforderung an mich, die Augen offen zu halten und Missstände zu benennen. Innerhalb unserer Kirche, aber auch in der Gesellschaft.
Es ist für mich der Aufruf, aufzustehen, mich auf den Weg zu machen, aus`m Quark zu kommen, denn:
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum!“ – „Es geht! Anders!
Impuls aus der Sonntagsmesse vom 07.03.2021 in der Fronleichnamskirche Aachen