
„Einer von euch wird mich verraten.“
Schwerer Satz. Er fällt mitten hinein in einen Moment der Gemeinschaft.
Mitten in das Essen. In das Brot. In die Nähe. Jesus spricht ihn aus – ohne Drama. Ohne Anklage. Aber voller Wahrheit.
Wir hören diesen Satz mit der ganzen Last, die Karwoche mit sich bringt.
Und vielleicht spüren wir:
Das, was Jesus hier erlebt, ist nicht nur einmal passiert.
Es wiederholt sich. In Beziehungen. In Gemeinden. In Leben.
Denn Verrat beginnt nicht immer mit Geld und Küssen.
Manchmal beginnt er mit einem leisen Rückzug.
Mit einem Nicht-mehr-dazugehören.
Mit Worten, die treffen –
nicht weil sie laut sind, sondern weil sie kalt sind.
Jesus nimmt das wahr.
Er spricht es an. Nicht, um zu beschämen.
Sondern um zu zeigen:
„Ich bin nicht blind. Ich bin nicht taub. Ich merke, was euch bewegt.“
Das ist vielleicht das Berührendste an dieser Szene:
Jesus geht nicht einfach darüber hinweg.
Er sagt nicht: „Ach, das wird schon.“
Sondern er sieht die Wahrheit – und bleibt trotzdem am Tisch.
Wir alle kennen diese Momente,
in denen Nähe sich plötzlich fremd anfühlt.
In denen Enttäuschung nicht aus der Welt kommt.
In denen man viel gegeben hat – und wenig zurückkommt.
Oder Kritik, die nicht trifft, weil sie berechtigt wäre –
sondern weil sie ungerecht ist.
In solchen Momenten ist diese Szene heilsam –
nicht, weil sie uns vor Schmerz bewahrt,
sondern weil sie zeigt:
Selbst Jesus kannte das.
Selbst in seiner Runde gab es Bruchstellen.
Selbst im Kreis der „Engsten“ war das Herz nicht immer sicher.
Und trotzdem:
Er bricht das Brot.
Er teilt den Kelch.
Er bleibt.
Vielleicht ist das die leise Einladung dieses Evangeliums an uns heute:
Nicht alles zu verstehen.
Nicht alles zu erklären.
Aber zu bleiben, wo unser Platz ist.
Treu zu sein, auch wenn’s manchmal weh tut.
Nicht um der Anerkennung willen –
sondern aus Liebe.
Aus Berufung.
Aus der tiefen Gewissheit:
„Ich tu das nicht für Applaus.
Ich tu das, weil ich glaube, dass Treue ihren Wert hat – auch wenn keiner klatscht.“
Am Ende dieser Szene sagt Jesus:
„Der Menschensohn geht zwar seinen Weg, wie es über ihn geschrieben steht…“
Er geht.
Mit schweren Füßen. Mit klarem Blick. Mit einem gebrochenen Herzen.
Und doch mit Liebe.
Mit Liebe für die, die bleiben.
Und vielleicht sogar für den, der geht.
Möge dieser Jesus auch bei uns bleiben,
wenn wir enttäuscht sind.
Wenn wir müde sind.
Wenn wir zweifeln, ob das, was wir geben, noch trägt.
Er kennt das alles.
Und er sagt:
„Ich seh dich. Ich bleib.“