Was mich trägt

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Der 1. Mai bringt für mich immer ein kleines Innehalten mit sich. Vielleicht, weil dieser Tag so viele Ebenen hat.
Da ist der Maibaum, der in vielen Orten heute aufgerichtet wird.
Da ist der Tag der Arbeit, der auch ein Tag der Gerechtigkeit ist.
Und da ist der Beginn des Marienmonats, der mich als Glaubender jedes Jahr neu berührt.
Und wenn ich ehrlich bin, steckt in diesen drei Bildern mehr Verbindendes, als ich früher gedacht hätte.

Ich beginne mit dem Maibaum.
Wenn ich einen sehe, macht er mir fast ein bisschen Gänsehaut – obwohl er ja „nur“ ein Baumstamm ist, geschmückt mit Bändern, oft mit Kränzen und Symbolen des Dorfes. Aber er steht da – sichtbar, hoch, aufgerichtet. Er erzählt: Hier lebt etwas. Hier sind Menschen, die sich verbunden fühlen.
Ich denke beim Maibaum auch an Verwurzelung.
An das, was mich trägt.
Und an die Hoffnung, dass etwas wachsen kann, gerade jetzt, wo das Leben neu aufblüht.
Der Maibaum ist für mich ein stilles Zeichen gegen Resignation.

Dann denke ich an den Tag der Arbeit.
Er erinnert mich an die Würde der Menschen, die anpacken, in Fabriken, auf Baustellen, in Pflegeheimen, am Schreibtisch.
Und auch an die, deren Arbeit nicht gesehen wird: die, die sich um andere kümmern, zu Hause viel leisten oder nicht bezahlt werden für das, was sie tun.
Heute bin ich besonders wach für die Frage: Wird Arbeit gerecht bezahlt?
Gibt es genug Raum für Erholung, Anerkennung, Sinn?
Ich glaube: Arbeit gehört zum Menschsein, aber nicht, weil wir „etwas leisten müssen“, sondern weil wir gestalten dürfen.
Gott selbst ist in der Bibel ein Schöpfer, ein Handwerker. Und Jesus steht im Evangelium oft mitten im Alltag: in der Werkstatt, am Brunnen, beim Brotteilen.

Und dann ist da Maria.
Der 1. Mai ist auch ihr Tag, der Beginn ihres Monats.
Ich habe sie lange Zeit eher auf einem Sockel gesehen, mit gefalteten Händen, fast ein bisschen zu still.
Aber in den letzten Jahren habe ich sie anders entdeckt.
Als Frau mit Rückgrat.
Als jemand, die sich einlässt auf das Unerwartete, das Größere, das, was sie nicht versteht.
„Mir geschehe, wie du gesagt hast“, sagt sie und damit beginnt eine ganz andere Geschichte.
Eine Geschichte von Nähe, von Mut, von Gott mitten im Leben.
Ich mag diese leise Stärke in ihr. Sie ist kein Star, sie steht nicht im Rampenlicht – aber sie bleibt da. Sie hält aus. Sie hört zu.
Und genau das brauche ich oft: eine Form von Glauben, die nicht laut ist, aber echt.

Wenn ich heute durch mein Viertel gehe und vielleicht irgendwo einen Maibaum sehe, wenn ich Nachrichten lese über Streiks, Forderungen, soziale Fragen – und wenn ich abends eine Kerze vor meiner kleinen Marienfigur anzünde, dann spüre ich:
Diese drei Dinge – der Baum, die Arbeit, Maria – haben mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick scheint.

Denn sie stellen mich leise vor eine Frage:
Was gibt mir Halt? Was wächst gerade in mir – trotz allem? Und worauf will ich mich neu einlassen?

Vielleicht ist der 1. Mai ja genau dafür gemacht:
Nicht nur zum Feiern oder Demonstrieren – sondern auch zum Hinhören.
Auf das, was mich trägt. Und auf das, was vielleicht gerade neu beginnt.

2 Kommentare zu „Was mich trägt

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