
Der Jahreswechsel ist jedes Jahr derselbe Zaubertrick.
Zwölf Uhr. Countdown. Konfetti. Feuerwerk.
Und für einen kurzen Moment tun wir kollektiv so, als hätte die Welt gerade einen Neustart-Knopf gedrückt.
Hat sie nicht.
Die Rechnungen bleiben. Die Sorgen auch.
Die kaputten Systeme erst recht.
Das neue Jahr beginnt nicht „frisch“. Es beginnt beladen.
Wir reden uns den Jahreswechsel schön
„Neues Jahr, neues Glück“ ist einer dieser Sätze, die harmlos klingen, aber verdammt viel verschleiern.
Denn er tut so, als läge Glück einfach hinter einer Kalenderseite – und nicht mitten in gesellschaftlichen Konflikten, politischen Fehlentscheidungen und sozialen Bruchstellen.
Wer genau hinschaut, merkt schnell:
Viele starten nicht hoffnungsvoll ins neue Jahr, sondern erschöpft.
Überarbeitet. Finanziell am Limit. Emotional ausgezehrt.
Und währenddessen läuft im Hintergrund die Dauerbeschallung:
„Reiß dich zusammen.“
„Andere haben es schlimmer.“
„Sei doch dankbar.“
Dankbarkeit ist keine Ausrede dafür, Ungerechtigkeit zu ignorieren.
Die Geduld der Gesellschaft ist dünn geworden
Was mir im Rückblick auf das vergangene Jahr besonders auffällt:
Unsere gemeinsame Geduld ist brüchig geworden.
Wir hören schlechter zu. Wir reagieren schneller aggressiv.
Wir sortieren Menschen immer schneller ein: richtig – falsch, wertvoll – lästig, dazugehört – abgeschrieben.
Gerade die, die ohnehin wenig haben, spüren das zuerst:
Kinder aus belasteten Familien. Jugendliche ohne sicheren Rückhalt.
Menschen, die nicht „funktionieren“, nicht mithalten, nicht mithypen.
Wer langsam ist, fällt raus. Wer leise ist, wird überhört. Wer kompliziert ist, nervt.
Das ist kein individuelles Versagen – das ist ein gesellschaftliches Problem.
Christlicher Glaube ist keine Wellness-Idee
Ich halte wenig von einem Glauben, der am Jahreswechsel nur warme Worte verteilt.
Von Kerzen, die zwar hübsch leuchten, aber niemanden wärmen.
Von Segen, die beruhigen sollen, ohne etwas zu verändern.
Christlicher Glaube ist unbequem. Er stellt Fragen, wo andere beruhigen wollen.
Er erinnert daran, dass Würde nicht verdient werden muss – und auch nicht aberkannt werden darf.
Wer ernsthaft von Gott spricht, kann nicht gleichzeitig zynisch über Arme, Geflüchtete, „bildungsferne Familien“ oder „Problemviertel“ reden. Das passt schlicht nicht zusammen.
Oder anders gesagt:
Wenn unser Glaube niemanden stört, ist er vermutlich harmlos geworden.
Bildung, Gerechtigkeit, Würde – kein Randthema
Ich gehe mit einem klaren Ärger ins neue Jahr. Nicht destruktiv – aber wach.
Denn wir wissen längst: Bildung entscheidet über Lebenswege.
Armut vererbt sich. Kinder tragen die Konsequenzen politischer Untätigkeit.
Und trotzdem behandeln wir diese Themen oft wie Dauerrauschen.
Man hört es, aber man hört nicht mehr hin. Ein neues Jahr wird daran nichts ändern –
außer wir hören endlich auf, so zu tun, als wäre all das „zu komplex“ oder „leider nicht zu lösen“.
Komplex heißt nicht unlösbar. Komplex heißt: unbequem.
Keine Vorsätze. Kein Neujahrs-Blabla.
Ich habe mir keine Vorsätze vorgenommen.
Ich brauche kein neues Jahr, um mir vorzunehmen, besser zu werden – das scheitert ohnehin regelmäßig.
Was ich mir vornehme, ist etwas anderes:
- nicht leiser zu werden, nur weil Widerspruch anstrengend ist
- nicht zynisch zu werden, auch wenn vieles nervt
- nicht abzustumpfen, wenn Leid alltäglich wird
- nicht höflich zu bleiben, wenn Menschenwürde relativiert wird
Das ist kein Optimismus. Das ist Widerstand gegen Gleichgültigkeit.
Hoffnung ist kein Gefühl – sondern eine Entscheidung
Hoffnung ist nichts Romantisches. Sie fühlt sich selten gut an.
Sie ist sperrig, widerspenstig, manchmal sogar lästig.
Hoffnung heißt: trotzdem hinsehen. trotzdem bleiben. trotzdem widersprechen.
Nicht weil alles gut wird. Sondern weil Wegsehen keine Option ist.
Das neue Jahr ist kein Reset. Aber es ist eine Einladung.
Nicht zur Selbstoptimierung. Sondern zur Menschlichkeit.
Und vielleicht reicht das fürs Erste.



