Missio Canonica und andere Extremsportarten

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Manche Tage im Schulalltag haben eine Dramaturgie, die man sich nicht ausdenken könnte. Würde man sie in einem Drehbuch einreichen, käme vermutlich die Rückmeldung: „Etwas unrealistisch. Bitte weniger übertreiben.“

Mein Tag begann würdevoll. Wirklich. Wortgottesdienst in der Gemeinde. Schriftlesung, Gebet, Segen, geistliche Sammlung. Man steht da, spricht vom Leben, von Gott, von Hoffnung, von Verantwortung. Man versucht, Worte zu finden, die Menschen tragen können.

Ein paar Stunden später steht man auf einem Schulgelände und diskutiert ernsthaft darüber, ob Toilettenaufsicht bei den Bundesjugendspielen eigentlich ein Karriereschritt ist.

Spoiler: natürlich ist sie das.

Zumindest, wenn man sehr tief in die pädagogische Theologie des Schulalltags eingestiegen ist.

Denn Schule ist selten Hochglanzpädagogik. Schule ist nicht nur Konzeptpapier, Leitbild und Fortbildung mit Moderationskarten. Schule ist auch: „Herr B., unser Lehrer ist nicht da!“ — gerufen von ungefähr 24 Jugendlichen gleichzeitig, wobei jede und jeder sicher ist, dass die eigene Stimme gerade die wichtigste Informationsquelle der Welt ist.

Also erstmal: Luft holen. Alle.

Welche Klasse? Welcher Lehrer? Ist Entfall eingetragen? Nein? Lehrer in Konferenz? Okay.

Dann beginnt die hohe Kunst der schulischen Realpolitik. Ich kann euch nicht einfach früher in die Mittagspause schicken. Ich sehe aber auch nicht, dass ich jetzt noch 15 Minuten spontan die Weltgeschichte rette. Also: Eingangshalle. Sitzen. Reden. Keine Handys. Lautstärke so, dass die Verwaltung weiter arbeiten kann. Wenn es nicht klappt: Klassenraum und Text abschreiben.

Deal?

Deal.

Und erstaunlicherweise klappt es. Nicht perfekt, natürlich. Perfekt ist nur der Stundenplan, bevor der Tag beginnt. Aber es klappt. Zwischendurch muss man erinnern, nachsteuern, Blicke einsetzen, die ungefähr sagen: „Meine Gesichtsfarbe ist noch im weißen Bereich, aber wir nähern uns pädagogisch relevanten Rottönen.“

Ein Schüler, der mich schon aus dem Religionsunterricht kennt, übersetzt das sofort für die anderen:

„Oh ja, dann ist Schluss mit nett und Freiheit.“

Ich hätte es nicht besser sagen können.

Denn genau darum geht es im Schulalltag erstaunlich oft: Freiheit ermöglichen — aber nicht grenzenlos. Verantwortung zutrauen — aber nicht naiv. Locker sein — aber nicht beliebig.

Kurz vorher im Trainingsraum war dieselbe Logik in härterer Form gefragt. Eine Gruppe Unterricht herausgenommen worden, weil die Situation offenbar nicht mehr tragbar war. Als sie bei mir ankamen, war nicht der Moment für eine tiefenhermeneutische Aufarbeitung der Ereignisse. Nicht der Moment für: „Nun erzählt doch mal alle nacheinander, wie ihr euch fühlt.“

Manchmal ist Pädagogik zuerst kein Gesprächskreis, sondern ein Stoppschild.

Also klare Ansage. Stift raus. Reflexionsbogen. Danach Entschuldigungsbrief. Keine Diskussion. Keine Zwischenrufe. Keine große Bühne für „Ich hab aber gar nichts gemacht“. Denn ich kannte keine der Seiten. Ich wusste nur: Diese Schüler konnten gerade nicht mehr im Unterricht bleiben. Und das reichte für den Moment.

Nicht, um Schuld endgültig zu klären. Sondern um den Rahmen wiederherzustellen.

Das klingt hart. War es auch. Aber Härte ist nicht automatisch Unpädagogik. Entscheidend ist, ob sie demütigt — oder ob sie ordnet. Ob sie Beziehung abbricht — oder Beziehung später wieder möglich macht.

Nachher, in der Mittagspause, kann man anders sprechen. Dann kann man zuhören. Dann kann man ihre Sicht hören. Dann darf auch wieder Menschlichkeit durch die Tür kommen. Aber in der akuten Eskalation braucht es manchmal zuerst Klarheit.

Vielleicht ist das eine der großen Wahrheiten von Schule: Beziehung ohne Grenze wird beliebig. Grenze ohne Beziehung wird kalt. Die Kunst liegt darin, beides zusammenzuhalten.

Und dann gibt es diese anderen Momente. Die leichten.

In der Pause kommen Schülerinnen auf mich zu.

„Wie geht es Ihnen?“ „Gut. Und euch?“ „Auch gut. Wollen Sie uns nicht eine Freistunde geben?“ Natürlich. Weil genau so Unterrichtsplanung funktioniert. Drei charmante Gesichter, ein bisschen Hoffnung im Blick, und zack: Erdkunde entfällt.

Ich frage also: „Warum sollte ich das tun? Gebt mir einen guten Grund.“ „Weil wir alle so tolle Präsentationen gemacht haben.“ „Alle?“ „Ja, alle!“ „Wirklich alle?“

Kurze Pause.

„Ja, naja… okay… nevermind.“ Manchmal reicht eine Frage. Sokrates hätte seine Freude gehabt. Oder zumindest sehr gelacht.

Dann erzählen sie von den Bundesjugendspielen am nächsten Tag. Auch daraus ergibt sich nach ihrer Logik natürlich ein Anspruch auf Freistunde. Die Argumentationskette ist ungefähr: Morgen Sportfest, heute Entlastung, Erdkunde als Kollateralschaden.

Ich erkläre, dass ich morgen auch dort sein muss. „Echt? Welche Klasse?“ Ich sage: „Ich habe den besten Job überhaupt.“ Meine Kollegin beginnt schon zu lachen.

„Was denn?“ „Toilettenaufsicht.“ Fassungslosigkeit. Sprachlosigkeit. Dann: „Cüüüüüs, das ist doch nicht der beste Job!“ Doch, sage ich. Ich muss mich nicht groß bewegen.

Das ist natürlich gelogen. Innerlich bewegt man sich bei Jungstoilettenaufsicht vermutlich sehr viel. Zwischen Hoffnung, Furcht, Dienstpflicht und der Frage, ob sich dafür wirklich die langen Monate der Missio-Ausbildung gelohnt haben.

Aber vielleicht liegt genau darin die Pointe. Denn christlicher Dienst ist selten glamourös. Das Evangelium findet auch nicht nur dort statt, wo Kerzen brennen, Orgeln klingen und alle andächtig gucken. Es findet manchmal dort statt, wo jemand dafür sorgt, dass Jugendliche nicht im Pulk eskalieren, dass ein Kollege entlastet wird, dass eine Gruppe in der Eingangshalle ihre Freiheit nicht überzieht, dass Schülerinnen in der Pause lachen können — und ja, vielleicht auch dort, wo jemand bei den Bundesjugendspielen vor der Jungstoilette steht und pädagogisch-präventive Präsenz im sanitären Grenzbereich zeigt.

Das klingt absurd. Ist es auch.

Aber Schule ist oft absurd. Auf eine komische, anstrengende, manchmal wunderschöne Weise. Man beginnt den Tag mit einem Wortgottesdienst und endet gedanklich bei Bundesjugendspielen. Man spricht morgens von Hoffnung und nachmittags von Handyverbot. Man erklärt Jugendlichen, dass Linienrichter Vorbilder sind, weil zwei Schüler provozierend „rote Karte“ spielen — und dann machen sie es plötzlich wirklich gut. Man gibt Verantwortung in kleinen Portionen, manchmal mit einem Augenzwinkern, manchmal mit klarer Kante.

Vielleicht ist das genau der Punkt: Pädagogik passiert nicht nur in den großen geplanten Momenten. Sie passiert im Dazwischen. Auf dem Flur. In der Pause. In der Eingangshalle. Im Trainingsraum. Am Rand eines Sportfestes. Dort, wo Jugendliche testen, ob Erwachsene wirklich meinen, was sie sagen. Dort, wo man Freiheit gibt und Grenzen hält. Dort, wo Humor manchmal mehr bewirkt als eine Standpauke — und eine Standpauke manchmal nötig ist, damit Humor später überhaupt wieder möglich wird.

Theologisch gesagt: Inkarnation bedeutet, dass Gott nicht abstrakt geblieben ist. Nicht fern, nicht sauber sortiert, nicht nur als Idee. Sondern mitten hinein in diese Welt. In Staub, Streit, Körperlichkeit, Missverständnisse, Müdigkeit, Hunger, Lärm und Menschen, die alle gleichzeitig reden. Schule ist dafür ein hervorragender Übungsort.

Denn wer glaubt, Seelsorge bestehe nur aus ruhigen Gesprächen bei Tee und Kerzenschein, war vermutlich noch nie in einer neunten Klasse kurz nach der Mittagspause. Und wer glaubt, Berufung fühle sich immer erhebend an, hatte vermutlich noch nie Toilettenaufsicht bei den Bundesjugendspielen.

Aber vielleicht ist genau das Berufung im Alltag: Da sein. Ansprechbar sein. Grenzen setzen. Lachen können. Nicht weglaufen, wenn es laut wird. Menschen nicht auf ihr Verhalten reduzieren, aber Verhalten auch nicht schönreden. Den Rahmen halten, damit Beziehung möglich bleibt.

Und wenn dann ein Schüler sagt: „Dann ist Schluss mit nett und Freiheit“, dann ist das vielleicht gar kein schlechtes pädagogisches Zeugnis Denn vorher war ja nett. Und vorher war Freiheit. Nur eben nicht grenzenlos.

Morgen also Bundesjugendspiele. Jungstoilette. Bester Job.

Missio Canonica praktisch angewendet.

Beten Sie für mich.

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