„Checkst du?!?“

Zwischen Tanz und Timeline

Content Note: Es geht um Social-Media-Druck, Körper-/Statusbilder und junge Zielgruppen.

Im Pfarrheim, nach der Gruppenstunde: „Kennen Sie Zah1de?“ – drei Handys, vier Meinungen, fünfzig offene Fragen. Ich nicke. Nicht, weil ich alles darüber weiß, sondern weil mir der Mechanismus vertraut ist: Ein junges Talent trifft auf Plattformlogik, professionelle Vermarktung, massive Resonanz – und eine Community, die zwischen Begeisterung und Überforderung pendelt. Dieser Text ist kein Urteil über eine einzelne Person. Er ist ein Blick auf das System, in dem sie steht – und auf unsere Verantwortung, wenn die Jüngsten „mittendrin statt nur dabei“ sind.

Worum es wirklich geht

Zugehörigkeit. Gesehen-werden. Eine Story, die sagt: „Aus meiner Ecke kann Großes kommen.“ Zah1de steht für viele sinnbildlich für Aufstieg, Können, Tempo, Style. Anfang 2025 war sie noch 14; heute ist sie ungefähr 15. Das macht die Sache sensibel: Je jünger Creator:innen und Publikum sind, desto wichtiger sind klare Schutzräume, transparente Kommunikation und faire Leitplanken.

Wie Plattformen den Sog verstärken

Algorithmen belohnen das, was Aufmerksamkeit bindet: starke Bilder, klare Codes, Konflikte, Kicks. Managements übersetzen das in Releases, Collabs, Events. Fans reagieren in Echtzeit. Keiner dieser Bausteine ist für sich „böse“. Zusammen erzeugen sie aber einen Sog, der gerade für Unter-16-Jährige zu stark sein kann – weil Grenzen, Werbung, Inszenierung und Realität noch schwerer zu unterscheiden sind.

Texte, Bilder, Codes

Aktuelle Songs und Visuals arbeiten mit Luxus- und „Glow-up“-Motiven: Reisen, Marken, „Front-Row“-Gefühl. Das kann empowern („Ich darf groß träumen“). Es kann aber auch Erwartungen setzen, die mit 13, 14, 15 schlicht nicht gesund sind: Kauf-Trigger, Körper- und Statusnormen, die kaum jemand erfüllen kann. Wichtige Unterscheidung: Kunst darf überhöhen. Kommerz in jugendlichen Räumen braucht Verantwortung.

„Kinderstar“-Déjà-vu – nur in Dauer-Online

Das Muster kennen wir seit Jahrzehnten. Neu ist die Dauerpräsenz (Livestreams, Stories, Shop-Buttons), die Nähe-Illusion („sie antwortet mir!“) bei riesigen Reichweiten und die Commerce-Integration (vom Sound direkt in den Warenkorb). Das erhöht die Fallhöhe – für Creator, Familien und Fans.

Nicht gegen Personen, sondern gegen Strukturen

Eine Jugendliche ist Teil eines professionellen Umfelds. Darum richtet sich Kritik zuerst an Erwachsene und Systeme: an Managements, Marken, Plattformen. Fragen wir nüchtern: Werden Privatsphäre und Würde geschützt? Ist Werbung erkennbar? Gibt es klare Leitplanken, wenn Minderjährige vermarktet werden? Das ist keine Moralkeule, das ist Fürsorge und man muss folgende Fragen stellen dürfen:

• Würde: Macht das Format Menschen zur Ware – oder lässt es sie Subjekt bleiben?
• Wahrheit: Ist erkennbar, was Inszenierung, was Werbung, was Wirklichkeit ist?
• Verantwortung: Wer trägt die Folgen, wenn der Hype kippt – und wer steht dann noch da?
• Wohltun: Geht es den Beteiligten gut – nicht nur heute, sondern nachhaltig?

Und die Kirche mittendrin?

Kirche hat hier keinen Zeigefinger, sondern ein Angebot: einen Raum, in dem Menschen ohne Leistung wertvoll sind. Eine Gemeinschaft, die fragt: „Wie bleibst du du – bei all dem Lärm?“ Und eine Hoffnung, die größer ist als Reichweite. Das gilt für Stars, Teams, Fans – und für alle, die gerade denken: „Ich bin nicht genug.“

Fazit

Lasst uns groß träumen – aber nicht klein werden. Groß träumen: üben, tanzen, gestalten, Musik machen. Nicht klein werden: in Würde, in Wahrheit, in Verantwortung füreinander.

Hinweis zur Einordnung: Anfang 2025 wurde Zah1de in einer OMR-Reportage als 14-jährig beschrieben; seither ist sie vermutlich ca. 15. Für Minderjährige gelten besondere Schutzgedanken (Transparenz, Privatsphäre, Werbung).

Weiterlesen:

1) OMR-Reportage: „Die Dancefluencer: Der Hype um die Berliner Tiktok-Tanzschule Lunatix“ (17.02.2025)

https://omr.com/de/daily/tiktok-lunatix-zahide

2) KJM: Studie zu Influencer-Werbung an Kinder (Pressetext + Vollstudie)

   Pressetext: https://www.kjm-online.de/presse/pressemitteilungen/kjm-veroeffentlicht-studie-zu-influencer-werbung-an-kinder/

   Studie: https://www.kjm-online.de/publikationen/studien-und-gutachten/studie-zu-werbepraktiken-und-direkten-kaufappellen-an-kinder-in-sozialen-medien/

3) JMStV – Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (Gesetzestext/Übersicht)

   Überblick: https://www.die-medienanstalten.de/service/rechtsgrundlagen/jugendmedienschutz-staatsvertrag/

   PDF (Gesetzestext): https://www.die-medienanstalten.de/fileadmin/user_upload/Rechtsgrundlagen/Gesetze_Staatsvertraege/JMStV/Jugendmedienschutzstaatsvertrag_JMStV.pdf

4) bpb: Kinder und Influencer-Werbung – Einordnung

https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/512493/kinder-und-influencer-werbung-zwischen-identifikation-und-medienkompetenz/

„Verfassungsrecht? Können wir später klären…“

Manchmal frage ich mich, ob es in der Politik noch um Lösungen geht – oder nur noch um Lautstärke. Kaum wird ein Thema unbequem, kommt das nächste in die Debatte gerauscht. Nicht, weil es dringend wäre. Sondern, weil es wirkt.

So wie gerade bei den Geflüchteten aus der Ukraine.
Da sagt man plötzlich: „Ab April 2025 gibt’s für die Neuankömmlinge weniger Geld.“
Und alle nicken, weil es ja irgendwie gerecht klingt. Aber ist es das?

Menschen, die vor demselben Krieg fliehen. Mit demselben Aufenthaltsstatus.
Mit denselben Sorgen. Nur ein anderes Datum im Pass.
Und dafür gibt’s dann weniger Unterstützung?

Für mich ist das nicht Gerechtigkeit. Das ist eine gestanzte Einladung zum Misstrauen.
Eine gestanzte Einladung, sich zu fragen: „Wieso bekommen die was – und wir nicht?“

Und wenn man dann nachfragt – rechtlich, sachlich, menschlich – dann heißt es:
„Das muss später das Bundesverfassungsgericht entscheiden.“
Ach so?
Verfassungsrecht wird also nicht mehr geachtet – sondern ausgelagert.
Karlsruhe als Rückgabestation für politischen Übermut.

Und fast zeitgleich? Scheitert die Wahl neuer Verfassungsrichter:innen.
Ein Schelm, wer da Parallelen sieht.

Ich finde: Wenn ein Staat beginnt, sein Grundgesetz als Verhandlungsmasse zu behandeln, wenn Politik nicht mehr fragt: „Dürfen wir das?“ – sondern nur noch: „Kommen wir damit durch?“ … dann wird’s gefährlich.

Dann wird aus „Realpolitik“ ein Spiel mit der Grenze – und irgendwann auch darüber hinaus.

Für mich als Christ ist klar:
Gerechtigkeit ist kein Gefühl. Kein Reflex. Kein Wahlkampfthema.
Gerechtigkeit ist ein Auftrag.

Und sie beginnt da, wo Menschen in Not nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Sondern miteinander gesehen werden.

„Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“
Sagt Jesus. Nicht das Grundgesetz. Aber manchmal sind sich beide verdammt nah.

„Windhauch…“

Bild von Herbert auf Pixabay

Predigt zum 18. Sonntag im Jahreskreis (Lk 12,13–21 / Koh 1,2; 2,21–23)
„Was bleibt?“

Liebe Schwestern und Brüder,

„Windhauch, Windhauch – alles ist Windhauch.“
So beginnt das Buch Kohelet. Und dieser Satz sitzt.
Er wirkt fast wie ein tiefer Seufzer: „Wozu das alles?“

Da spricht einer, der das Leben kennt.
Nicht jemand, der auf alles eine fromme Antwort hat,
sondern jemand, der sich getraut, ehrliche Fragen zu stellen.
Jemand, der merkt: Ich kann schuften, planen, mich abstrampeln,
aber was nützt es mir, wenn ich am Ende leer dastehe?

Diese Erfahrung kennen viele von uns. Wir rackern, wir kämpfen uns durch,
wir geben unser Bestes ,für die Familie, die Arbeit, das Leben.
Und doch bleiben wir manchmal mit einem komischen Gefühl zurück:
War das jetzt alles? Ist das wirklich das, worauf es ankommt?

Und genau da hinein spricht Jesus sein Gleichnis.
Ein Bauer hat eine große Ernte – so groß, dass er neue Scheunen bauen will.
Er redet nicht mit Gott, nicht mit anderen, er redet nur mit sich selbst:
Ich will… ich baue… ich habe… ich genieße.

Und dann – wie ein Paukenschlag – sagt Gott:
„Noch in dieser Nacht wird dein Leben von dir zurückgefordert.
Und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?“

Das klingt hart, aber es ist kein strafender Ton.
Es ist ein liebevoller, klarer Ruf zur Umkehr:
Wach auf! Frag dich: Wofür lebst du wirklich? Was zählt für dich?

Denn das Leben ist mehr als Besitz. Mehr als Erfolg.
Mehr als volle Speicher.

Das Entscheidende, das, was bleibt ist das, was wir aus Liebe tun.
Was wir einander schenken. Was wir an Gutem hinterlassen.

Liebe Gemeinde,
wir leben in einer Welt, die oft das Gegenteil predigt:
Höher, schneller, weiter. Mehr Geld, mehr Likes, mehr Ansehen.
Aber Jesus stellt uns eine andere Frage: „Wie reich bist du – bei Gott?“

Und das ist kein Vorwurf. Es ist eine Einladung.
Eine Einladung zum Innehalten. Zum Neu-sortieren.
Zum Umdenken.

Denn „reich bei Gott“ ,das hat nichts mit Reichtum zu tun,
sondern mit Beziehung:
– Habe ich ein Herz, das offen ist?
– Habe ich Augen, die andere sehen, auch die, die sonst niemand beachtet?
– Habe ich Hände, die nicht nur festhalten, sondern auch loslassen können?

Ich denke da an eine Frau aus der Gemeinde, die mir mal sagte:
„Ich hab nie viel gehabt im Leben. Aber ich hab immer geteilt.
Und das hat mich froh gemacht.“
Solche Sätze bleiben. Solche Menschen sind „reich bei Gott“.
Nicht, weil sie viel besitzen, sondern weil sie ein volles Herz haben.

Und vielleicht fragt uns das Evangelium heute:
Was willst du hinterlassen? Nicht nur materiell.
Sondern menschlich. Was sollen die Menschen mal über dich sagen?

Vielleicht nicht: „Der hatte viel!“
Sondern: „Der war da für andere.“
„Die hat uns gutgetan.“
„Von ihm ging Segen aus.“

Liebe Schwestern und Brüder,
Kohelet nennt das Leben einen „Windhauch“.
Ja – es ist flüchtig. Zerbrechlich.
Aber genau das macht es auch kostbar.
Wie ein Windhauch, der über die Haut streicht
und uns daran erinnert:
Da ist mehr. Da ist Leben. Da ist Gottes Geist.
Und er weht – auch in unserem Alltag.
Er ruft uns – liebevoll, leise, aber deutlich:
Lebe nicht nur für dich. Lebe für das, was bleibt.

Denn was bleibt –
ist nicht das, was wir festhalten.
Sondern das, was wir weitergeben.
Nicht die Scheune. Sondern die Liebe.

Amen.

„Problemviertel“? Vielleicht liegt das Problem woanders.

Es gibt so Wörter, die sagen mehr über die aus, die sie benutzen, als über das, worüber sie sprechen.
„Brennpunktviertel“ zum Beispiel. Oder „sozial schwach“. Das klingt, als ob da ganze Stadtteile kurz vor der Explosion stehen – und als ob die Menschen dort irgendwie… weniger wert seien.

Spoiler: Sind sie nicht.

Ich finde: Wer so redet, hat entweder noch nie Zeit in einem dieser Viertel verbracht – oder will lieber nicht genau hinschauen. Denn ja: Es gibt Armut. Es gibt Gewalt. Es gibt Unsicherheit. Aber es gibt auch: Stärke. Zusammenhalt. Herzblut. Kinder mit Träumen. Eltern mit drei Jobs. Jugendliche, die Verantwortung übernehmen, weil sonst niemand da ist. Menschen, die kämpfen. Und beten. Und lachen.

Was mich als Christ dabei besonders umtreibt:
Jesus hat genau dort angefangen. Nicht in der Villengegend, sondern bei den Hirten.
Nicht bei denen, die alles im Griff hatten – sondern bei denen, die durchs Raster gefallen sind.

Die Theologie nennt das „Option für die Armen“.
Die Soziologie nennt es „strukturelle Benachteiligung“.
Ich nenne es: eine Einladung zum Perspektivwechsel.

Vielleicht sollten wir aufhören, Viertel zu stigmatisieren – und lieber anfangen, Strukturen zu hinterfragen.
Vielleicht sollten wir fragen, warum manche Kinder mit weniger Chancen starten – und nicht, warum sie später „nicht mithalten“.
Vielleicht sollten wir aufhören, ständig von „Integration“ zu reden – und anfangen, uns selbst zu integrieren.
In die Realität. In die Verantwortung. In Gottes Blick auf die Welt.

Denn ganz ehrlich:
Wer meint, Gott sei nur im gepflegten Vorgarten zu Hause, der hat das Evangelium nicht verstanden.


„Man muss durch und durch Bruder aller Menschen sein.“
– Charles de Foucauld

Predigt zum 14. Sonntag im Jahreskreis

Bild von Gregor Ritter auf Pixabay

Manchmal frage ich mich: Was bleibt eigentlich von dem, was wir tun?
Ein gutes Gespräch – schön, aber ist es nicht gleich wieder vorbei?
Eine helfende Hand – aber was ändert das schon in dieser komplizierten Welt?

Vielleicht kennt ihr solche Gedanken auch.
In einer Welt, die sich ständig dreht, in der so vieles groß und mächtig erscheint –
kann man sich schnell klein fühlen.
Unbedeutend.
Übersehen.

Und dann kommen da zwei Texte daher,
wie zwei leise, aber starke Stimmen:
„Du bist nicht allein. Du bist nicht übersehen. Und: Du bist gesandt.“

Im ersten Lesungstext malt der Prophet Jesaja ein fast zärtliches Bild:
Jerusalem als Mutter.
Nicht als stolze Stadt, nicht als Zentrum der Macht, sondern als eine Mutter,
die tröstet, die nährt, die Wärme schenkt.

„Ihr werdet getröstet, wie einen seine Mutter tröstet.“
Was für eine Zusage.
Nicht wie ein Vater, der vielleicht sagt: „Reiß dich zusammen!“
Nicht wie ein Vorgesetzter, der fragt: „Was hast du geleistet?“
Sondern wie eine Mutter – die dich annimmt, einfach weil du da bist.

Gott ist wie diese Mutter.
Ein Gott, der sieht, was uns belastet.
Der unsere Müdigkeit kennt, unsere leisen Sorgen,
unsere stillen Fragen.

Vielleicht ist das heute die erste Einladung:
Lass dich trösten.
Du musst nicht immer stark sein.
Du darfst loslassen.
Du darfst Kind sein – bei Gott.

Und dann – kommt das Evangelium.
Jesus sendet 72 aus. Nicht nur die Zwölf.
Nicht nur die, die alles verstanden haben.
Sondern eine größere Gruppe – man könnte sagen: Leute wie du und ich.

Ohne viel Vorbereitung, ohne große Sicherheiten.
Keine Tasche, kein Geld, kein Backup.
Nur ein Auftrag: Bringt Frieden.
Segnet die Häuser, zu denen ihr kommt.
Und wenn euch niemand hören will – auch gut. Dann geht weiter.
Es ist kein Scheitern. Ihr seid trotzdem gesegnet.

Was mich daran so berührt:
Jesus sagt nicht: „Geht und macht alles richtig.“
Er sagt: „Geht – und seid einfach da. Und vertraut darauf, dass Gott durch euch wirkt.“

Ich glaube, das ist heute mehr als aktuell:
Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen nicht mehr wissen, ob das, was sie tun, noch zählt.
Wo viel Engagement ins Leere läuft, wo Beziehungen brüchiger werden,
wo selbst Kirche manchmal wie ein leerer Raum erscheint.

Aber dieses Evangelium sagt:
Du brauchst nicht perfekt zu sein.
Du brauchst nicht alles zu können.
Du brauchst nur dein Herz – und den Mut, es einzusetzen.

Vielleicht ist gesendet sein gar nichts Großes.
Vielleicht fängt es damit an, dass ich jemanden anrufe, der traurig ist.
Dass ich mir Zeit nehme – für jemanden, der allein ist.
Dass ich mit einem Kind spreche, als wäre es das wichtigste Wesen auf der Welt.
Dass ich nicht die Augen verschließe, wenn jemand Hilfe braucht.

Und dann – heißt es am Ende des Evangeliums:
Die Jünger kehren voller Freude zurück.
Sie haben erlebt, dass durch sie etwas in Bewegung gekommen ist.
Sie waren Werkzeuge Gottes – ohne große Show, aber mit echter Wirkung.

Und Jesus? Der bremst sie ein bisschen – liebevoll:
„Freut euch nicht darüber, dass euch die Geister gehorchen –
freut euch, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind.“

Das heißt doch:
Euer Wert liegt nicht in dem, was ihr tut, sondern in dem, wer ihr seid.
Ihr seid bei Gott angekommen – schon jetzt.
Eure Namen stehen da.
Unauslöschlich.

Das Reich Gottes kommt nicht mit Lärm und Macht.
Es kommt in der Stille. Im Vertrauen. Im Aufbruch.
Es kommt durch uns – wenn wir uns senden lassen.
Wenn wir glauben, dass auch unser kleines Tun einen Unterschied macht.

Also:
Lasst uns gehen – mit leichtem Gepäck.
Lasst uns segnen – mit offenen Herzen.
Lasst uns hoffen – auch wenn’s manchmal schwer ist.
Denn wir sind nicht allein.

Gott ist da.
Wie eine Mutter.
Wie ein Freund.
Wie ein Segen, der uns trägt.

Und vielleicht – ganz vielleicht –
geht durch dein Tun heute irgendwo ein kleines Fenster zum Himmel auf.

Amen.

Pfingstmontag

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Pfingsten – das Fest des Heiligen Geistes – liegt nun hinter uns. Oder vielleicht besser gesagt: Es hat begonnen.

Denn wenn der Heilige Geist kommt, dann ist das kein einmaliger Knall. Kein Feuerwerk, das kurz aufflammt und dann wieder verglüht. Der Geist Gottes wirkt weiter. Leise. Beständig. Oft unauffällig – aber voller Kraft.

Gestern haben wir die großen Bilder gehört: Brausen, Feuer, Begeisterung. Heute, am Pfingstmontag, ist es ruhiger geworden. Und doch – vielleicht gerade deshalb – lädt uns dieser Tag ein, tiefer zu hören. Auf das, was in uns lebt. Was uns trägt. Was uns verbindet.

In der Apostelgeschichte begegnet Paulus Menschen, die gläubig sind – aber sagen: Vom Heiligen Geist haben wir noch nichts gehört.

Und ich finde: Das klingt überraschend aktuell. Denn auch heute sagen viele Menschen: „Ich glaube ja irgendwie … aber mit dem Heiligen Geist – da kann ich nicht viel anfangen.“

Und doch glaube ich: Viele kennen den Geist Gottes – sie würden ihn nur anders nennen.

Denn sie kennen das Gefühl,
– wenn ein Wort plötzlich tröstet.
– wenn man spürt: Ich bin getragen, auch wenn ich nicht weiß, wie.
– wenn Frieden ins Herz kommt – mitten im Alltag.

Das alles sind für mich Spuren des Heiligen Geistes. Vielleicht ist er viel näher, als wir denken. Vielleicht ist er gerade da, wo wir still werden. Wo wir offen sind. Wo wir vertrauen.

Ich glaube, dass auch dieser Ort – unsere Kapelle im Seniorenzentrum – ein Raum des Heiligen Geistes ist.
Nicht weil alles perfekt ist. Sondern weil hier so viel Leben spürbar ist.
So viele Erfahrungen. So viele Geschichten.
So viele Menschen, die mit Herz und Hingabe für andere da sind.
So viel gelebte Liebe.
Der Geist wirkt, wo Menschen einander gut tun. Wo Nähe geschieht. Wo Hoffnung weitergegeben wird.

Und dann hören wir im Evangelium diesen großen Satz:

„Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab…“

Gott liebt diese Welt.
Nicht nur die junge, schnelle, laute Welt. Sondern die ganze Welt.
Auch die Welt des Rückblicks.
Die Welt, in der Erinnerungen lebendig bleiben.
Die Welt der leisen Gespräche, der Gedanken, die Tiefe haben.
Gott liebt das, was war – und das, was bleibt. Er liebt jeden einzelnen Menschen – von Anfang bis Ende. Und weit darüber hinaus.

Darum gibt er uns seinen Geist.
Einen Geist, der nicht an Leistung gebunden ist.
Nicht an Stärke oder Erfolg.
Sondern an Offenheit. An Vertrauen. An Liebe.

Jesus sagt:

„Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht.“

Das heißt nicht: Wer alles richtig macht.
Sondern: Wer mit offenem Herzen lebt.
Wer ehrlich ist mit sich und mit Gott.
Wer sich nicht versteckt – sondern sich zeigt, so wie man ist.
Der kommt ins Licht.
Und das Licht findet auch ihn.

Liebe Gemeinde, liebe Bewohnerinnen und Bewohner,

Pfingsten geschieht nicht nur vor 2000 Jahren. Es geschieht immer wieder:
– Wenn Menschen einander zuhören.
– Wenn jemand Trost schenkt.
– Wenn einer betet – ganz still, vielleicht nur mit einem Gedanken.
– Wenn jemand sagt: „Danke“ – und es von Herzen meint.

Dann ist der Heilige Geist da.
Dann ist Leben da.
Dann ist Gott da – mitten unter uns.

Ich lade Sie heute ein, es einfach einmal auszuprobieren. Ganz schlicht:
„Komm, Heiliger Geist.“

Vielleicht sagen Sie es leise im Herzen. Heute Nachmittag. Oder morgen früh.
Und vielleicht spüren Sie: Da ist ein Friede, der trägt. Da ist eine Kraft, die stärkt.
Da ist Gott – ganz nah.

Amen.

Profil in Spannung – und genau deshalb stimmig

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Ich bin Diakon. Und ich werde bald katholische Religion unterrichten. In einer Schule in unserem Viertel.

Noch bin ich kein „fertiger“ Religionslehrer. Aber ich glaube, ich bringe vieles mit, was dazugehört: Herz, Haltung, Verwurzelung – und eine Idee davon, wie Glaube heute erfahrbar werden kann. Vielleicht nicht durch Kirchenbänke und Lehrbuchzitate, sondern durch Psalmen auf Beats. Vielleicht.

Denn das ist kein Widerspruch. Das ist mein Weg.

Ich habe gelernt: Wer zwischen Tradition und Gegenwart vermitteln will, braucht nicht die perfekte Balance – sondern Haltung. Ich stehe auf der Schwelle zwischen Eucharistie und Schulhof, zwischen Tabernakel und Tafelbild. Ich habe vor der Monstranz gepredigt – und trage Psalm 13 in mir, bereit, ihn zu rappen. Nicht, weil ich „krass modern“ sein will. Sondern weil ich glaube, dass Gott da ist, wo Menschen ehrlich sprechen. In jeder Sprache. In jedem Ton.

Ich habe früher gesagt: Ich werde nie Diakon. Und ich werde nie an die Schule gehen. Jetzt gehe ich genau diesen Weg. Und ich kann mir nichts Passenderes vorstellen.

Es gibt die, die sagen: „Das ist zu viel. Zu poppig. Zu locker.“ Andere sagen: „Das ist zu katholisch. Zu ernst. Zu viel Kirche.“ Und vielleicht stimmt beides. Vielleicht bin ich genau dazwischen.

Aber genau dort, wo es Spannung gibt, entsteht Raum für Begegnung. Für Dialog. Für Mut.

Ich möchte, dass meine zukünftigen Schüler:innen merken: Hier darfst du sein. Mit deiner Wut. Mit deinem Zweifel. Mit deiner Sehnsucht. Und wenn du willst, bring sie in einen Rap. Oder in ein Gebet. Oder in beides.

Ich glaube an eine Kirche, die sich nicht verbiegt – aber bewegt. Und an einen Religionsunterricht, der nicht auswendig lernen lässt, sondern verstehen hilft. Sich selbst. Und den Anderen. Und Gott mittendrin.

Mein geistliches Vorbild dabei? Charles de Foucauld. Der suchte nicht zuerst die Bühne, sondern die Nähe. Der wollte nicht überzeugen, sondern präsent sein. Nicht missionieren, sondern mitleben. Sein Weg war das stille Zeugnis mitten unter den Menschen. Und vielleicht ist genau das mein Ziel: Kein großer Auftritt – sondern ein präsenter Glaube, der leise und klar sagt: „Ich bin da. Für euch. Und mit Gott.“

Ich nenne das: Profil in Spannung. Und ich glaube, dass genau darin der Auftrag liegt. Nicht als Ausnahme. Sondern als Zukunft.

Berufen, nicht geplant – Gedanken zwischen Schulflur und Sakristei

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Wenn mir vor ein paar Jahren jemand gesagt hätte, ich würde Diakon im Hauptberuf werden – ich hätte geschmunzelt.
Wenn dann noch jemand behauptet hätte, ich würde in die Schule gehen… ich hätte laut gelacht.
Und doch – hier bin ich. Auf dem Weg zur Missio canonica. Auf dem Weg ins Klassenzimmer.

Nicht, weil ich einen Karriereplan hatte.
Nicht, weil ich den „nächsten logischen Schritt“ gegangen bin.
Sondern weil ich das Gefühl habe, dass mein Platz gerade dort ist, wo ich gebraucht werde.

Ich bin kein perfekter Lehrer. Ich habe keine pädagogische Glanzmappe, kein Standardrepertoire. Aber ich bringe etwas mit, das man nicht studieren kann:
die Bereitschaft, bei den Menschen zu sein. die Sehnsucht, Glauben nicht nur zu lehren, sondern ihn lebendig werden zu lassen und die Hoffnung, dass genau im Unvollkommenen oft das Glaubwürdigste steckt.

Berufung heißt für mich nicht: Ich weiß alles.
Berufung heißt: Ich lasse mich senden, auch wenn ich noch nicht alles verstehe.
Ich bin Diakon – nicht trotz meiner Zweifel, sondern mit ihnen.
Ich werde Lehrer – nicht weil ich alle Antworten habe, sondern weil ich die richtigen Fragen mitbringe.

Vielleicht liegt genau darin das Wirken des Heiligen Geistes:
Dass wir auf Wegen landen, die wir uns nie selbst ausgesucht hätten.
Aber auf denen wir plötzlich merken: Hier bin ich richtig.

Und wenn ich heute in der Sakristei stehe und morgen im Lehrerzimmer, dann ist das kein Bruch.
Es ist ein Zeichen: Kirche ist nicht nur am Altar. Kirche ist auch im Klassenzimmer.
Und manchmal beginnt Verkündigung mit einem Tafelbild. Oder mit einer ehrlichen Antwort auf die Frage:
„Herr Diakon, glauben Sie das eigentlich selbst, was Sie da erzählen?“

Ja. Ich glaube.
Und ich gehe.
Nicht, weil ich es mir vorgenommen habe.
Sondern weil es meine Aufgabe geworden ist

Christi Himmelfahrt

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Liebe Schwestern und Brüder,

heute feiern wir Christi Himmelfahrt –
eines dieser Feste, das manchmal ein bisschen geheimnisvoll bleibt.
Jesus geht – und doch bleibt er.
Er „fährt auf“ in den Himmel – und doch ist er weiter mitten unter uns.

Was feiern wir da eigentlich?

Im Evangelium hören wir:
Jesus spricht ein letztes Mal mit seinen Jüngern.
Er erinnert sie an alles, was geschehen ist:
Dass er leiden musste, dass er gestorben ist –
und dass er auferstanden ist.
Und dann, so erzählt Lukas,
segnet er sie – und wird „zum Himmel emporgehoben“.

Ein Abschied also?
Ja – aber nicht wie ein Abschied ins Nichts.
Nicht wie jemand, der einfach verschwindet.

Jesus verlässt die Jünger nicht, um sie allein zu lassen.
Er tut es, um neue Wege für seine Nähe zu öffnen.

Wenn wir „Himmel“ hören, denken wir vielleicht zuerst an Wolken, Weite, oben, Licht.
Aber der „Himmel“ in der Bibel ist nicht nur ein Ort –
sondern ein anderer Zustand der Nähe Gottes.

Jesus kehrt zu seinem Vater zurück –
aber nicht, um sich zu verstecken.
Er ist jetzt nicht weniger da –
sondern anders da.

Unsichtbar – aber nicht abwesend.
Er lebt jetzt in einer anderen Dimension.
Und genau deshalb kann er jetzt überall sein:
in unseren Herzen, in der Eucharistie, in unserem Alltag, in jedem Menschen.

Was mich am meisten berührt:
Die Jünger schauen Jesus nach –
und was tun sie dann?

Sie kehren voll Freude nach Jerusalem zurück.
Nicht traurig. Nicht leer. Nicht verzweifelt.
Sondern gestärkt, gesegnet, erfüllt.

Warum?

Weil sie verstanden haben:
Dieser Jesus, den wir geliebt haben,
der uns das Herz aufgetan hat,
der uns Hoffnung gegeben hat –
er ist nicht weg. Er lebt. Und er geht mit.

Und noch mehr:
Jetzt sind sie dran.
Jetzt beginnt ihre Zeit – die Zeit der Zeugen.

Auch uns ist dieser Auftrag gegeben:
Wir leben in der „Zwischenzeit“ –
zwischen Himmelfahrt und Wiederkunft,
zwischen der Zusage und ihrer Vollendung.
Aber wir sind nicht allein.

Wir sind gesegnet, so wie die Jünger.
Und wir sind gesandt.

Und vielleicht dürfen wir heute, am Fest Christi Himmelfahrt, ganz neu glauben:
– Dass Jesus uns sieht, auch wenn wir ihn nicht sehen.
– Dass er mitgeht, auch wenn der Weg schwer ist.
– Dass er uns segnet, auch wenn wir uns oft klein fühlen.

Christi Himmelfahrt bedeutet:
Der Himmel ist nicht nur das Jenseits –
er beginnt schon jetzt,
wo Menschen an Jesus glauben,
wo Hoffnung geteilt wird,
wo einer dem anderen zum Segen wird.

Vielleicht ist es ja so:
Jesus ist „aufgefahren“,
damit wir nicht ständig nach oben starren –
sondern anfangen, um uns herum den Himmel zu entdecken:
in den Gesichtern der Menschen,
im Licht eines Lächelns,
in einer kleinen Tat der Liebe.

Und so dürfen auch wir heute gehen – wie die Jünger:
Voll Freude.
Gestärkt durch seinen Segen.
Und mit dem Blick nicht nur nach oben, sondern auf das Leben um uns herum.

Denn der Himmel ist näher, als wir oft denken.

Ein neuer Papst, ein neuer Aufbruch?

Bild von Tasos Lekkas auf Pixabay

Am Abend des 8. Mai stieg weißer Rauch in den römischen Himmel. Auf dem Petersplatz brandete Jubel auf, als der Kardinalprotodiakon verkündete: „Habemus Papam“ – wir haben einen Papst.
Mit dem Namen Leo XIV. beginnt nun ein neues Kapitel in der Geschichte der Kirche.

Ein Name ist nie nur ein Name.
Er ist ein Programm.
Er ist Erinnerung.
Er ist Erwartung.

Als Papst Leo XIII. im Jahr 1891 die Enzyklika Rerum Novarum veröffentlichte, begann die katholische Soziallehre Gestalt anzunehmen. Es war eine mutige Antwort auf die Umbrüche der Industrialisierung: eine Stimme für die Arbeitenden, eine Mahnung an Verantwortungsträger, ein Ruf zu Gerechtigkeit und Menschenwürde.

Papst Leo XIII. stellte die Frage:
Wie kann der Glaube in einer sich wandelnden Gesellschaft konkret werden?
Nicht nur in den Kirchenbänken, sondern in den Fabriken, auf den Feldern, in den Familien.

Und heute, über 130 Jahre später, nimmt ein neuer Papst diesen Namen wieder auf.
Leo XIV. – Robert Francis Prevost.
Ein Mann mit amerikanischen Wurzeln, lateinamerikanischer Seelsorgeerfahrung und einer klaren Stimme im Vatikan.

Was will er sagen? Was will er heilen? Was wird er neu denken?

Ein Moment der Hoffnung

Ich empfinde diesen Moment als geistlich dicht. Nicht wegen der Riten oder der Geschichte allein – sondern weil er uns alle betrifft. In einer Welt, die zerrissen ist von Spaltung, sozialer Ungleichheit, Klimakrise und Krieg, ist die Wahl eines neuen Papstes mehr als ein kirchliches Ereignis. Sie ist ein Zeichen.

Ein Zeichen dafür, dass die Kirche weitergeht – nicht trotz der Herausforderungen, sondern mitten hindurch.

Ein Zeichen dafür, dass auch wir gefragt sind:

  • Wie gestalten wir Gerechtigkeit in unserem Alltag?
  • Wie leben wir Verantwortung – in Beruf, Gemeinde und Gesellschaft?
  • Wie hören wir die Rufe derer, die keine Stimme haben?

Vielleicht – und das ist meine stille Hoffnung – wird Leo XIV. genau hier anknüpfen.
Nicht mit fertigen Antworten, sondern mit dem Mut, neue Fragen zu stellen.
Nicht mit Machtgesten, sondern mit einer Autorität, die vom Dienen kommt.

Ein Impuls für uns alle

Wenn ein neuer Papst gewählt wird, ruft uns das nicht nur zur Bewunderung auf – sondern zur Beteiligung.

Zur Beteiligung an einer Kirche, die nicht im Elfenbeinturm lebt, sondern in der Welt.
Zur Beteiligung an einem Glauben, der nicht von gestern ist, sondern mitten im Heute pulsiert.
Zur Beteiligung an einer Hoffnung, die größer ist als unsere Ängste.

Papst Leo XIV. ist nicht nur „der neue Papst“.
Er ist – mit uns – Teil der suchenden, ringenden, betenden Kirche.
Und wir dürfen mitgehen.
Mitdenken.
Mitglauben.


Maranatha – Komm, Heiliger Geist.