Twitch, Charity und der Glaube – wie passt das eigentlich zusammen?

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Wenn ich erzähle, dass ich bei einem Projekt auf Twitch mitarbeite, schauen mich viele erstmal fragend an: „Twitch – ist das nicht diese Plattform, auf der junge Leute Computerspiele gucken?“ Ja – und nein. Twitch ist eine riesige Bühne für Live-Inhalte aller Art: Spiele, Talkshows, Musik, Bastelstreams, Kochsendungen … und auch für gemeinnützige Aktionen.

Ich bin Teil des Teams von LiveForLifeTV, einem Twitch-Projekt, das jedes Jahr im Mai stattfindet. Dutzende Streamerinnen und Streamer schließen sich zusammen, um gemeinsam Spenden zu sammeln – in diesem Jahr für den Tierschutz. Und das alles mit einer erstaunlichen Mischung aus Kreativität, Humor und Herz.

Was ich da mache? Ich bin Chat-Moderator und helfe bei Vorbereitungen… nicht mit Weihwasser, sondern mit Zeit, manchmal einem Seelsorgeohr und ziemlich viel Kaffee.

Und ehrlich gesagt: Genau da finde ich Kirche. Nicht nur im Gottesdienst, sondern auch mitten im digitalen Raum, in einer jungen Community, die sich nicht sonntags zur Eucharistie versammelt, aber bereit ist, sich für andere einzusetzen. Menschen, die ihr Publikum unterhalten und gleichzeitig sagen: „Hey, wir können gemeinsam etwas bewegen.“

Für mich ist das keine Konkurrenz zur Kirche, sondern eine Art Verlängerung dessen, woran ich glaube: dass Glaube und Engagement zusammengehören. Dass wir als Christinnen und Christen auch eine Verantwortung haben – und zwar nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch.

Natürlich gibt es da auch schräge Momente. Manchmal ist die Sprache rauer, die Musik lauter, und die Witze nicht immer fromm. Aber mittendrin: eine tiefe Ernsthaftigkeit, wenn es um das Ziel geht. Wenn plötzlich 500 Euro in fünf Minuten gespendet werden. Wenn ein Streamer emotional wird, weil er sieht, wie viele mitziehen. Wenn jemand im Chat schreibt: „Ich hab selbst ein Tier aus dem Tierheim – danke, dass ihr das unterstützt.“

Da steckt mehr Glaube drin, als man denkt.

Ich glaube, wir als Kirche können viel lernen, wenn wir den Mut haben, uns auf neue Räume einzulassen. Es geht nicht darum, uns überall einzumischen oder gleich das Kreuz auf jede Plattform zu stellen. Aber es geht darum, da zu sein. Offen, ehrlich, interessiert. Menschen zu begegnen – auch digital – und gemeinsam Gutes zu tun.

Denn am Ende zählt nicht, ob die gute Tat offline oder online passiert. Sondern dass sie geschieht. Und dass wir uns erinnern: Die Schöpfung ist uns anvertraut – und das gilt für Tiere genauso wie für Menschen. Wenn junge Leute das leben – mit Webcam und WLAN – dann kann ich nur sagen: Gott sei Dank.

Mitten im Trubel – ein leiser Moment der Gnade

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Die Tage vor der Erstkommunion sind erfüllt – von Vorfreude, von Spannung, von vielen kleinen und großen Aufgaben. Es wird geplant, vorbereitet, geprobt, kommuniziert. Die To-do-Listen werden länger, je näher das Fest rückt, und manchmal verliert man fast aus dem Blick, worum es eigentlich geht.

Doch mitten in all dem Trubel steht ein Kind. Ein Kind, das nicht nur etwas „richtig machen“ soll – sondern das eingeladen ist, Jesus zu begegnen. In der Stille. Im Brot. Im Licht der Osterkerze. In der Gemeinschaft mit anderen.

Es sind Momente wie diese, in denen der Blick tiefer gehen darf.

Die heilige Therese von Lisieux, eine der großen Mystikerinnen unserer Kirche, hat einen Weg beschrieben, der gerade für diese Tage sehr kostbar sein kann: den „kleinen Weg“. Sie sagt:
„Ich will den Himmel damit bevölkern, dass ich kleine Dinge mit großer Liebe tue.“

Vielleicht ist das genau die Haltung, die wir jetzt brauchen.
Nicht alles muss groß sein. Nicht alles muss perfekt sein.
Aber es darf echt sein. Und liebevoll.

Ein schlichtes Wort zum Kind. Ein ruhiger Atemzug in der Anspannung. Ein Gebet – nicht laut, aber ehrlich. Ein Schritt zurück, damit ein anderer Platz findet.

Wenn ein Kind an diesem Tag spürt: Ich darf hier sein. Ich bin gemeint. Jesus meint mich persönlich.
Dann hat diese Feier ihren tiefsten Sinn erfüllt.

Und ja, manchmal läuft nicht alles glatt. Kinder sind aufgeregt. Erwachsene auch.
Aber vielleicht ist auch das ein Teil dieses Weges: lernen, einander mit einem gnädigen Blick zu sehen. Auch sich selbst.

Die Erstkommunion ist nicht nur ein großer Tag für die Kinder – sie ist auch ein geistlicher Weg für uns Erwachsene.
Er führt uns zurück zur Mitte: Zur Liebe Gottes, die nicht auf Perfektion wartet, sondern einfach da ist.

Gnade zeigt sich oft dort, wo wir sie nicht erwarten.
In einem Blick. In einem leisen Lächeln. In einer ausgestreckten Kinderhand am Altar.

Und vielleicht ist genau das der größte Trost:
Wir müssen diesen Weg nicht allein gehen. Gott geht mit – in unseren Gedanken, unseren Hoffnungen, in den Händen, die Brot teilen.

Oder, um es mit Therese zu sagen:
„Jesus verlangt nicht nach großen Taten, sondern nur nach Hingabe und Dankbarkeit.“

In diesem Sinn: lassen wir uns berühren – mitten im Trubel – von einem leisen Moment der Gnade.


Volle Netze, volle Herzen – Gedanken zur Erstkommunion

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Es sind kleine Schritte, die die Kinder in diesen Wochen gehen. Von der ersten Gruppenstunde im November bis zur Feier der Erstkommunion im Frühling. Und es sind nicht nur Schritte durch das Kirchenjahr – es sind vor allem Schritte hinein in eine lebendige Gottesbeziehung.

Gemeinsam mit Jesus: Volle Netze, volle Herzen“ – so lautet das Motto unserer diesjährigen Erstkommunionfeier. Es greift das Evangelium vom reichen Fischfang auf (Joh 21,1–14). Die Jünger haben die ganze Nacht gearbeitet – und nichts gefangen. Sie sind müde, enttäuscht, vielleicht auch ein wenig mutlos. Erst als Jesus ihnen begegnet, wenden sie sich neu aus, werfen das Netz noch einmal aus – und es wird voll. Voller Leben. Voller Hoffnung.

Mich berührt diese Geschichte immer wieder. Sie erzählt vom Frust der Leere. Von Nächten, in denen nichts gelingt. Von Momenten, in denen wir meinen, es sei vergeblich, noch einmal aufzubrechen. Und davon, dass es manchmal einen liebevollen Ruf von außen braucht, damit man nicht aufgibt. Und dass Jesus genau an diesem Punkt auftaucht – nicht mit Druck, sondern mit Vertrauen.

Unsere Kommunionkinder stehen noch ganz am Anfang ihrer Glaubensreise. Sie haben Fragen, sie staunen, sie probieren sich aus. Sie sind mal leise, mal laut – aber sie sind da. Und sie spüren: Da ist jemand, der sie meint. Der mit ihnen geht. Und sie dürfen lernen, was es heißt, in Beziehung zu Gott zu leben. Kein Leistungsprogramm. Kein Pflichtbesuch. Sondern ein Anfang, der trägt.

Manchmal vergessen wir Großen, wie zart diese Beziehung beginnt. Wie offen Kinder für das Heilige sind – wenn man ihnen Raum gibt, wenn man sie ernst nimmt. Es geht nicht um möglichst perfekte Gottesdienste, fehlerfreie Antworten oder aufgeräumte Bänke. Es geht um das Staunen. Um das Gespür für Nähe. Um das leise Vertrauen: „Ich bin nicht allein.“

Ich wünsche unseren Kindern, dass sie genau das erleben dürfen. Dass sie merken: Gott ist nicht weit weg, irgendwo im Himmel. Gott ist nahe – in der Stille, im Brot, in Menschen, die sie liebevoll begleiten. Ich wünsche ihnen, dass sie erleben, wie ihr Herz voll wird, weil Jesus mit ihnen unterwegs ist.

Und ich wünsche auch uns Erwachsenen, dass wir uns von dieser Freude anstecken lassen. Dass wir nicht nur Zuschauer sind, sondern mitgehen. Mit Glauben, mit Geduld – und mit offenen Herzen. Vielleicht brauchen auch wir – inmitten von Alltag, Terminen, Zweifeln – diesen Impuls: Noch einmal das Netz auswerfen. Noch einmal vertrauen. Noch einmal auf Jesus hören.

Denn das Netz, das wir in dieser Feier auswerfen, ist nicht aus Seilen – sondern aus Vertrauen, Hoffnung und Liebe.

Und es ist groß genug für uns alle.

Was mich trägt

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Der 1. Mai bringt für mich immer ein kleines Innehalten mit sich. Vielleicht, weil dieser Tag so viele Ebenen hat.
Da ist der Maibaum, der in vielen Orten heute aufgerichtet wird.
Da ist der Tag der Arbeit, der auch ein Tag der Gerechtigkeit ist.
Und da ist der Beginn des Marienmonats, der mich als Glaubender jedes Jahr neu berührt.
Und wenn ich ehrlich bin, steckt in diesen drei Bildern mehr Verbindendes, als ich früher gedacht hätte.

Ich beginne mit dem Maibaum.
Wenn ich einen sehe, macht er mir fast ein bisschen Gänsehaut – obwohl er ja „nur“ ein Baumstamm ist, geschmückt mit Bändern, oft mit Kränzen und Symbolen des Dorfes. Aber er steht da – sichtbar, hoch, aufgerichtet. Er erzählt: Hier lebt etwas. Hier sind Menschen, die sich verbunden fühlen.
Ich denke beim Maibaum auch an Verwurzelung.
An das, was mich trägt.
Und an die Hoffnung, dass etwas wachsen kann, gerade jetzt, wo das Leben neu aufblüht.
Der Maibaum ist für mich ein stilles Zeichen gegen Resignation.

Dann denke ich an den Tag der Arbeit.
Er erinnert mich an die Würde der Menschen, die anpacken, in Fabriken, auf Baustellen, in Pflegeheimen, am Schreibtisch.
Und auch an die, deren Arbeit nicht gesehen wird: die, die sich um andere kümmern, zu Hause viel leisten oder nicht bezahlt werden für das, was sie tun.
Heute bin ich besonders wach für die Frage: Wird Arbeit gerecht bezahlt?
Gibt es genug Raum für Erholung, Anerkennung, Sinn?
Ich glaube: Arbeit gehört zum Menschsein, aber nicht, weil wir „etwas leisten müssen“, sondern weil wir gestalten dürfen.
Gott selbst ist in der Bibel ein Schöpfer, ein Handwerker. Und Jesus steht im Evangelium oft mitten im Alltag: in der Werkstatt, am Brunnen, beim Brotteilen.

Und dann ist da Maria.
Der 1. Mai ist auch ihr Tag, der Beginn ihres Monats.
Ich habe sie lange Zeit eher auf einem Sockel gesehen, mit gefalteten Händen, fast ein bisschen zu still.
Aber in den letzten Jahren habe ich sie anders entdeckt.
Als Frau mit Rückgrat.
Als jemand, die sich einlässt auf das Unerwartete, das Größere, das, was sie nicht versteht.
„Mir geschehe, wie du gesagt hast“, sagt sie und damit beginnt eine ganz andere Geschichte.
Eine Geschichte von Nähe, von Mut, von Gott mitten im Leben.
Ich mag diese leise Stärke in ihr. Sie ist kein Star, sie steht nicht im Rampenlicht – aber sie bleibt da. Sie hält aus. Sie hört zu.
Und genau das brauche ich oft: eine Form von Glauben, die nicht laut ist, aber echt.

Wenn ich heute durch mein Viertel gehe und vielleicht irgendwo einen Maibaum sehe, wenn ich Nachrichten lese über Streiks, Forderungen, soziale Fragen – und wenn ich abends eine Kerze vor meiner kleinen Marienfigur anzünde, dann spüre ich:
Diese drei Dinge – der Baum, die Arbeit, Maria – haben mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick scheint.

Denn sie stellen mich leise vor eine Frage:
Was gibt mir Halt? Was wächst gerade in mir – trotz allem? Und worauf will ich mich neu einlassen?

Vielleicht ist der 1. Mai ja genau dafür gemacht:
Nicht nur zum Feiern oder Demonstrieren – sondern auch zum Hinhören.
Auf das, was mich trägt. Und auf das, was vielleicht gerade neu beginnt.

Gerettet aus Liebe

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Johannes 3,16–21 – „Gerettet aus Liebe“

der vielleicht bekannteste Satz der Bibel steht in diesem Evangelium:
„So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.“

Manchmal hören wir solche großen Sätze und sie prallen fast an uns ab. So groß, so gewaltig – und doch sollen sie in unser kleines Leben hineinscheinen.
Was heißt das heute für uns?

Gott liebt die Welt. Diese Welt, wie sie ist – nicht eine perfekte Welt, nicht eine Welt, die alles richtig macht. Er liebt diese zerbrochene, oft unvollkommene Welt, zu der auch wir gehören.
Und Gott liebt nicht nur „irgendwie“ oder „theoretisch“. Seine Liebe wird konkret: Er sendet seinen Sohn. Er kommt selbst mitten hinein in unser Leben, mit seinen Höhen und Tiefen, seinem Licht und seinen Schatten.

Jesus kommt nicht, um zu verurteilen. Nicht, um Fehlerlisten zu schreiben.
Sondern um zu retten. Um zu heilen. Um uns in das Licht zu führen.

Das Evangelium spricht heute auch von Dunkelheit.
Es gibt Dinge in unserem Leben, die wir lieber verstecken. Entscheidungen, auf die wir nicht stolz sind. Verletzungen, die wir nicht zeigen wollen.
Aber Jesus kommt nicht, um uns für diese Dunkelheiten zu bestrafen. Er lädt uns ein, sie ins Licht zu bringen. Er lädt uns ein, ehrlich zu werden – mit uns selbst und mit Gott.
Denn nur, was im Licht ist, kann heilen.

Charles de Foucauld, der viele Jahre allein in der Wüste lebte, hat einmal gesagt:
„Sich dem lieben, guten Gott überlassen wie ein Kind in den Armen seiner Mutter.“
Das ist die Haltung, zu der Jesus uns einlädt: Vertrauen. Offenheit. Sich fallenlassen in die Arme dessen, der nicht richtet, sondern rettet.

Mich fordert dieser Text aus dem Evangelium heraus:
Zu glauben, dass Gott mich so liebt, wie ich bin.
Und mich zu trauen, in seinem Licht zu leben.

Wie soll das gehen?

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„Wie soll das gehen?“ – Ein Impuls zu Joh 3,7–15

Nikodemus ist jemand, der es wissen will. Er stellt Fragen. Er will verstehen. Und er ist ehrlich genug zuzugeben, dass er vieles nicht versteht – obwohl er eigentlich „vom Fach“ ist. Jesus spricht mit ihm über das Leben aus dem Geist, über das „neu geboren werden“. Und Nikodemus fragt: „Wie soll das gehen?“

Mir gefällt diese Frage. Weil sie so menschlich ist.
Vielleicht kennst du sie auch:
Wie soll das gehen, neu anzufangen?
Wie soll das gehen, den Glauben zu spüren – mitten im Alltag, mitten in dem, was mich gerade überfordert?
Wie soll das gehen, mich verändern zu lassen, wenn ich doch so oft an den gleichen Dingen hänge?

Jesus gibt keine genaue Gebrauchsanleitung. Aber er lädt ein, zu vertrauen. „Der Wind weht, wo er will.“ Der Geist Gottes wirkt – manchmal leise, manchmal überraschend. Aber er ist da. Und er kann uns erneuern, wenn wir uns nicht verschließen.

Es geht nicht darum, alles zu verstehen.
Es geht darum, sich öffnen zu lassen.
Das Leben „aus dem Geist“ beginnt oft in kleinen Schritten. Im Zuhören. Im Wahrnehmen. Im stillen Gebet.
Oder in einer Begegnung, die mich berührt – wie bei Charles de Foucauld, der irgendwann aufhörte, Gott zu analysieren, und anfing, ihn zu leben. Ganz schlicht, ganz still, ganz nah bei den Menschen.

Jesus sagt: „Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“
Das Kreuz ist nicht das Ende, sondern ein Zeichen der Liebe, die trägt – auch durch das Dunkle hindurch.

Vielleicht ist das ein erster Schritt ins neue Leben:
Nicht alles verstehen. Aber glauben, dass da jemand ist, der mich liebt.
Und damit anfangen zu leben – ehrlich, offen, im Vertrauen.
So einfach. Und so groß.

Gott auf dem Gehweg

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Mein Weg ins Büro ist eigentlich schnell erzählt: etwa zehn Minuten zu Fuß durch unser Viertel. Keine große Strecke. Und doch erlebe ich auf diesen zehn Minuten manchmal mehr Begegnung, mehr Leben und, ja – auch mehr Seelsorge, als ich je geplant hätte.

Gleich zu Beginn liegt die Bäckerei. Der Duft von frisch gebackenem Brot zieht durch die Straße, und mit ihm die Stimmen der Menschen, die sich früh morgens hier treffen. Heute fragt mich die Verkäuferin, während sie mir ein Brötchen in die Tüte legt: „Fasten Sie auch? Richtig streng?“
Ich lächle. „Ich versuche es zumindest“, sage ich.
Sie nickt langsam. „Vielleicht sollte ich das auch mal – nicht nur aufs Essen bezogen.“
Ein einfaches Gespräch, und doch mehr als Small Talk. Ein Gedanke wird angestoßen, vielleicht ein kleiner Anstoß, neu zu leben. Gott zwischen Krustenbrötchen und Coffee to go.

Am nächsten Straßenzug wartet schon Ahmad an seinem Kiosk. Ein vertrautes Gesicht. Seit Jahren kennen wir uns, und immer wieder, fast selbstverständlich, kommen wir ins Gespräch – über unseren Alltag, unsere Hoffnungen, und auch über unseren Glauben.
Ahmad ist Muslim. Unsere Unterschiede trennen uns nicht, sie machen unser Gespräch lebendig.
Heute geht es um die Dreifaltigkeit – ein schweres Thema am frühen Morgen. Ich suche nach einfachen Worten: Vater, Sohn, Heiliger Geist – nicht drei Götter, sondern eine Liebe, die in sich Beziehung ist.
Ahmad hört aufmerksam zu und sagt schließlich: „Das klingt nach Familie.“
Ein schönes Bild. Und ich merke: Verständnis wächst nicht durch Argumente, sondern durch geteilte Bilder und offene Herzen.

Ein paar Meter weiter sehe ich Herrn Schneider auf der Bank sitzen. Sein Labrador liegt müde zu seinen Füßen. Als ich vorbeigehe, hebt er den Kopf. „Wissen Sie“, sagt er ohne Vorwarnung, „manchmal hoffe ich einfach nur, dass ich meine Frau eines Tages wiedersehe.“
Ich setze mich einen Moment zu ihm. Die Straße rauscht, irgendwo klingelt eine Fahrradklingel.
„Ich glaube, dass Liebe nicht endet“, sage ich. „Dass sie stärker ist als der Tod.“
Wir schweigen zusammen. Kein großes Gespräch. Aber vielleicht genau das, was heute gebraucht wird.

Und ich spüre: Seelsorge geschieht nicht nur in Gesprächen im Büro, nicht erst am Schreibtisch oder im offiziellen Rahmen. Sie beginnt oft dort, wo Menschen einander wahrnehmen: zwischen Tür und Angel, zwischen Kaffeebecher und Hundegebell.

In solchen Momenten denke ich an Charles de Foucauld, dessen Leben mich sehr beeindruckt.
Er wollte kein großer Prediger sein, sondern einfach Bruder – Bruder aller Menschen, im Einfachen, im Alltäglichen.
Sein Traum war es, durch die schlichte, stille Präsenz die Liebe Christi sichtbar werden zu lassen.
Genau das darf ich auf meinem kurzen Weg erleben:
Gott mitten auf dem Gehweg.
Ganz ohne großes Programm, aber mit offenem Herzen.

Vielleicht brauchen wir im Alltag gar nicht so viel anderes: offene Augen, offene Ohren – und ein bisschen Mut, einen Moment stehenzubleiben.

  • Alle Namen sind frei erfunden

Was soll Kirche eigentlich sagen?

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Immer wieder hört man es:
„Die Kirche soll sich nicht in Politik einmischen.“
„Sie soll sich auf das Spirituelle konzentrieren.“
„Für Gebet und Gottesdienst ist sie da – nicht für Gesellschaftsfragen.“

Und vielleicht klingt das ja im ersten Moment sogar plausibel.
Aber wenn man dann in die Bibel schaut –
wirklich hineinschaut –
dann merkt man:
Jesus war nie „neutral“.

Er hat Menschen gesehen,
die sonst übersehen wurden.
Er hat Kranke berührt,
die keiner anfassen wollte.
Er hat mit den Falschen gegessen
und den Rechten widersprochen.
Er hat gesagt:
„Selig, die hungern nach Gerechtigkeit.“
Und:
„Der Geist des Herrn ruht auf mir –
den Armen bringe ich eine gute Nachricht.“

Wie soll man das nicht politisch verstehen?

Natürlich:
Kirche soll keine Parteiprogramme schreiben.
Sie soll nicht regieren.
Aber sie darf – und sie muss –
fragen stellen.
Stachel sein.
Haltung zeigen.

Wenn Menschen erniedrigt werden,
wenn die Schöpfung geschändet wird,
wenn die Schwächsten den höchsten Preis zahlen –
dann ist Schweigen keine Demut,
sondern Verrat am Evangelium.

Kirche ist dann glaubwürdig,
wenn sie nicht nur feiert,
sondern sich verwickeln lässt.
In das Leben.
In den Schmerz.
In die Fragen der Zeit.

Das heißt nicht, dass sie auf alles eine fertige Antwort hat.
Aber es heißt:
Sie steht da – bei den Menschen.
Sie hört zu.
Sie widerspricht, wenn nötig.
Sie bringt Licht dahin, wo es finster ist.

Und manchmal ist das politisch.
Weil das Evangelium selbst politisch ist.
Es nimmt Partei –
nicht für Parteien,
aber für Menschen.

Vielleicht ist das unsere Aufgabe heute mehr denn je:
Eine Kirche zu sein,
die nicht laut wird, um Recht zu haben,
sondern um den Mund aufzumachen für die, die keine Stimme haben.
Eine Kirche, die nicht perfekt ist –
aber glaubwürdig.
Und mutig.

Denn Jesus hat uns nicht gesagt:
„Seid nett und unauffällig.“
Sondern:
„Ihr seid das Salz der Erde.“
Und Salz spürt man.
Sonst ist es nutzlos.

„Habt ihr etwas zu essen?“

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Die beiden, die mit Jesus unterwegs nach Emmaus waren,
erzählen gerade voller Aufregung,
wie sie ihn erkannt haben –
beim Brotbrechen.
Mitten in diese Begeisterung hinein
tritt Jesus plötzlich selbst in den Raum.

„Friede sei mit euch.“

Aber statt Begeisterung:
Erschrecken.
Zweifel.
Angst.
Sie meinen, ein Geist steht vor ihnen.

So ist das eben oft mit dem Glauben.
Da erzählen andere begeistert:
„Ich habe den Herrn gesehen!“
Aber wenn man selbst da sitzt,
mit seinen eigenen Sorgen, Zweifeln,
Verletzungen –
dann klingt das alles irgendwie fremd.
Vielleicht schön,
aber nicht greifbar.

Jesus aber bleibt.
Er flieht nicht vor der Unsicherheit seiner Freunde.
Er bleibt,
mitten in ihrer Angst.
Und er zeigt:
Ich bin wirklich da.
„Seht meine Hände und meine Füße.“
„Fasst mich an.“

Und dann kommt dieser kleine, fast unscheinbare Moment:
„Habt ihr etwas zu essen?“

Keine große Lehre.
Keine Theologie.
Ein Stück Fisch.

Ich liebe diese Szene.
Weil sie so echt ist.
So bodenständig.
So liebevoll.

Jesus sagt nicht nur: „Ich bin auferstanden“ –
er sagt: „Ich bin wirklich bei euch.
Mitten in eurem Alltag.
Auch an eurem Tisch.
Auch in eurer Müdigkeit und eurer Fassungslosigkeit.“

Und dann – öffnet er ihnen den Verstand.
Nicht auf einmal.
Nicht mit einem Zauberwort.
Sondern Schritt für Schritt.
Er knüpft an das an, was sie kennen:
an die Schrift, an die Geschichte Israels.
Und er zeigt: Alles hat darauf hingezielt.
Und jetzt seid ihr dran.
„Ihr seid Zeugen.“

Ich glaube, das ist die Bewegung des Glaubens:
Von der Angst zur Nähe.
Von der Nähe zum Verstehen.
Vom Verstehen zum Zeugnis.

Aber das geht nicht automatisch.
Manchmal dauert es.
Und manchmal braucht es genau das:
Ein einfaches Stück Fisch.
Ein echtes Gespräch.
Eine Erfahrung, die uns aufatmen lässt:
Ich bin nicht allein.
Er ist wirklich da.

Vielleicht fragt auch uns Jesus heute:
„Habt ihr etwas zu essen?“
Nicht, weil er hungrig ist –
sondern weil er uns erinnern will:
Glauben ist nichts Abgehobenes.
Es beginnt im Konkreten.
Im Teilen.
Im Miteinander.
Im Zuhören.
Im Hoffen – trotz allem.

Und wenn wir das tun,
wenn wir ganz einfach das teilen, was wir haben,
dann kann er auch durch uns sichtbar werden.

Dann beginnt Auferstehung –
nicht spektakulär,
aber wirklich.

Was ich habe, das gebe ich dir

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Impuls zu Apg. 3,1-10 – Manchmal reicht ein Blick

Petrus und Johannes gehen zum Tempel.
Wie viele andere auch.
Zur neunten Stunde – zum Gebet.
Routine. Alltag.
Und da sitzt er: der Gelähmte.
Wie jeden Tag.
Immer am selben Ort,
immer mit derselben Bitte:
Habt ihr etwas für mich?

Er rechnet mit ein paar Münzen.
Mit einem kurzen, mitleidigen Blick vielleicht.
Mehr nicht.

Aber heute ist es anders.

Petrus bleibt stehen.
Und er sagt: „Sieh uns an.“

Das ist schon der erste Wendepunkt.
Nicht wegschauen.
Nicht vorbeigehen.
Nicht ausweichen.

Sondern hinschauen.
Echt. Direkt.
Ein Mensch sieht einen Menschen an.

Ich glaube, viele von uns kennen Situationen,
in denen wir genau das gebraucht hätten:
Nicht Geld, nicht schnelle Lösungen –
sondern dass jemand uns ansieht.
Mit echtem Interesse.
Mit einem offenen Herzen.

Und dann sagt Petrus den entscheidenden Satz:
„Silber und Gold besitze ich nicht.
Doch was ich habe, das gebe ich dir:
Im Namen Jesu Christi, steh auf und geh!“

Das ist stark.
Petrus tut nicht so, als hätte er alles im Griff.
Er sagt klar: Ich habe nicht alles.
Aber das, was ich habe – das teile ich mit dir.
Und das ist nicht wenig.
Das ist Kraft. Hoffnung. Glaube.

Der Gelähmte steht auf.
Nicht nur äußerlich.
Er springt.
Er lobt Gott.
Er geht selbst in den Tempel.
Dorthin, wo er vorher nur außen sitzen durfte.

Und alle, die ihn kennen,
sind erstaunt. Verwundert.
Denn sie merken:
Das hier ist nicht einfach ein Wunder,
das man bestaunen und dann wieder vergessen kann.
Das ist ein Zeichen:
Gott ist da.
Mitten im Alltag.
Mitten unter uns.
Und er verändert Leben.

Vielleicht ist das genau das,
was Kirche heute wieder neu lernen muss:
Nicht alles haben,
aber das Wesentliche teilen.
Nicht über Menschen hinwegsehen,
sondern ihnen ins Gesicht schauen.
Nicht nur helfen –
sondern aufrichten.

„Was ich habe, das gebe ich dir.“
Das könnte ein Motto sein
für Kirche, wie sie sein sollte:
ehrlich, menschlich, kraftvoll.

Und es ist auch ein schöner Satz für unseren eigenen Alltag.
Denn oft denken wir: Ich hab doch nichts zu geben.
Ich kann doch nichts ausrichten.
Aber wenn wir ehrlich hinsehen,
wenn wir offen zuhören,
wenn wir im Namen Jesu handeln –
dann geben wir mehr, als wir denken.

Der Gelähmte stand auf.
Und vielleicht hilft uns diese Geschichte,
selbst ein wenig beweglicher zu werden –
im Herzen, im Glauben,
in der Begegnung mit anderen.