
Bild von Esi Grünhagen auf Pixabay
„Eine Kirche, die keinen Kinderlärm verträgt, wird bald sehr still werden.
Aber nicht die gute Art.“
Ich glaube, in diesem Satz steckt mehr Wahrheit,
als manchen lieb ist.
Denn natürlich:
Kinder sind nicht immer andächtig.
Sie flüstern nicht automatisch auf Weihrauch-Niveau.
Sie schreien auch mal.
Sie quengeln.
Sie rutschen auf der Bank hin und her.
Sie wollen plötzlich genau dann aufs Klo,
wenn es liturgisch am ungünstigsten ist.
Sie stellen Fragen an Stellen,
an denen Erwachsene sich seit Jahren erfolgreich angewöhnt haben,
keine Fragen mehr zu stellen.
Kurz:
Kinder benehmen sich in der Kirche oft wie Kinder.
Ein Skandal.
Offenbar.
Manchmal hat man ja den Eindruck,
einige Menschen wünschen sich Familiengottesdienste ungefähr so:
Bitte mit Kindern,
aber ohne kindliches Verhalten.
Also gerne klein, süß, geschniegelt,
beim Einzug nett anzuschauen,
beim Auszug fototauglich,
dazwischen aber möglichst geräuscharm,
bewegungslos
und innerlich schon auf dem spirituellen Niveau einer Trappistin mit 40 Jahren Klausurerfahrung.
Viel Glück damit.
Denn die Wahrheit ist doch:
Lebendige Kirche klingt nicht immer schön.
Sie klingt manchmal unruhig.
Sie klingt manchmal schief.
Sie klingt manchmal nach umfallendem Gotteslob,
nach raschelnder Bonbon-Tüte,
nach „Mama, wann ist das vorbei?“
und nach einem Kleinkind,
das ausgerechnet während der Wandlung die akustische Reichweite seiner Stimme testet.
Ja.
Kann anstrengend sein.
Aber wisst ihr, was noch anstrengender ist?
Eine Kirche,
in der zwar alles würdevoll still ist,
aber niemand mehr nachwächst.
Eine Kirche,
in der die Bankreihen geschniegelt sind,
aber leer.
Eine Kirche,
in der sich niemand gestört fühlt,
weil außer dem Organisten und drei Hochtreuen
ohnehin niemand mehr da ist,
der stören könnte.
Das ist dann die saubere Variante von Untergang:
liturgisch ordentlich,
akustisch angenehm,
pastoral tot.
Und das meine ich gar nicht böse.
Naja.
Vielleicht ein kleines bisschen.
Aber es ist doch verrückt:
Wir beten zu einem Gott,
der Mensch geworden ist,
wirklich Mensch,
mitten hinein ins echte Leben,
nicht in eine lärmisolierte Andachtsblase,
und dann tun wir manchmal so,
als sei das größte Problem des Christentums
ein dreijähriges Kind mit Bewegungsdrang.
Ich sage es mal sehr deutlich:
Kinderlärm ist kein Störgeräusch der Kirche.
Kinderlärm ist ein Lebenszeichen.
Natürlich heißt das nicht,
dass alles egal ist.
Natürlich darf man Kindern etwas erklären.
Natürlich dürfen Eltern auch mal rausgehen,
wenn es gerade wirklich gar nicht mehr geht.
Natürlich braucht es Rücksicht.
Das ist doch gar nicht die Frage.
Die Frage ist:
Wie schauen wir auf solche Situationen?
Mit dieser typischen Mischung aus genervter Strenge und innerem Augenrollen?
Also nach dem Motto:
Könnte man das Kind bitte entfernen,
es beeinträchtigt gerade meine persönliche Hochform sakraler Konzentration?
Oder mit dem Gedanken:
Da ist ein Kind.
Da ist Leben.
Da ist Zukunft.
Da ist eine Familie,
die überhaupt gekommen ist.
Und ganz ehrlich:
Allein dafür müsste man manchmal schon fast eine Kerze mehr anzünden.
Denn wir reden in der Kirche wahnsinnig viel darüber,
wie wir Familien erreichen,
wie wir junge Menschen halten,
wie wir Glauben weitergeben,
wie Kirche Zukunft haben kann.
Und wenn sie dann mal da sind,
die Familien,
die Kinder,
das echte Leben,
dann reagieren manche,
als hätte jemand einen Pitbull im Taufbecken freigelassen.
Vielleicht müssen wir uns einfach ehrlich machen:
Manche wollen gar keine lebendige Kirche.
Sie wollen eine ruhige.
Und das ist nicht dasselbe.
Eine ruhige Kirche kann schön sein.
Eine stille Kirche kann heilig sein.
Ich liebe Stille.
Wirklich.
Aber Stille ist etwas anderes als Kinderfeindlichkeit in frommem Gewand.
Und manchmal wird genau das verwechselt.
Dann nennt man es „Andacht“,
meint aber eigentlich:
Bitte nichts, was mich aus meinem gewohnten religiösen Komfort holt.
Dann nennt man es „Würde“,
meint aber:
Bitte keine Menschen,
die sich noch nicht perfekt in unsere ungeschriebenen Kirchenregeln eingepasst haben.
Dann nennt man es „Ehrfurcht“,
meint aber oft nur:
Bitte benehmt euch so,
dass meine Vorstellung von Ordnung nicht gestört wird.
Und ja,
ich überzeichne ein bisschen.
Aber leider auch nicht ganz.
Denn wenn Kirche für Kinder nur dann offen ist,
wenn sie sich benehmen wie kleine Erwachsene,
dann ist sie nicht kinderfreundlich.
Dann ist sie dekorationsfreundlich.
Aber Kinder sind keine Deko.
Sie sind auch kein pastoral hübsches Beiwerk.
Sie sind nicht die niedliche Randerscheinung zwischen Kyrie und Segen.
Sie sind Menschen.
Mit Würde.
Mit Bewegungsdrang.
Mit Fragen.
Mit Lautstärke.
Mit echtem Leben.
Und vielleicht ist genau das die Zumutung,
die Kirche aushalten muss:
Dass Zukunft nicht geschniegelt hereinkommt.
Dass Zukunft laut sein kann.
Unruhig.
Unplanbar.
Manchmal nervig.
Oft wunderbar.
Und meistens beides gleichzeitig.
Ich glaube,
wir müssten in Kirche viel öfter unterscheiden zwischen dem,
was wirklich stört,
und dem,
was uns nur irritiert,
weil wir Kontrolle gewohnt sind.
Ein Kind,
das lacht,
fragt,
zappelt oder quengelt,
ist nicht automatisch respektlos.
Vielleicht ist es einfach ein Kind in einem Raum,
in dem es noch lernen darf,
dass es dazugehören soll.
Und mal ehrlich:
Wie soll das denn gehen,
wenn es jedes Mal spürt,
dass es eigentlich nur unter Vorbehalt willkommen ist?
Willkommen,
solange du leise bist.
Willkommen,
solange du nichts durcheinanderbringst.
Willkommen,
solange man dich kaum bemerkt.
Das ist keine Gastfreundschaft.
Das ist Duldung.
Und Duldung hat noch nie Liebe entstehen lassen.
Wenn Kirche Zukunft will,
dann muss sie Lärm aushalten können.
Nicht jeden Lärm.
Aber den Lärm des Lebens.
Den Lärm von Kindern.
Den Lärm von Familien.
Den Lärm von echtem Menschsein.
Sonst bleibt am Ende tatsächlich nur Stille.
Aber eben nicht die gute Art.
Nicht die Stille,
in der Gott spricht.
Sondern die Stille,
in der einfach niemand mehr da ist.