Predigt zum 21. Sonntag im Jahreskreis

Wem geben wir den Schlüssel?

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„Für wen halten die Menschen den Menschensohn?“ Jesus beginnt mit einer Umfrage. Was hört ihr über mich? Welche Meinungen sind im Umlauf? Die Antworten klingen respektvoll: Johannes der Täufer, Elíja, Jeremía oder ein anderer Prophet. Niemand hält Jesus für belanglos. Aber alle Antworten bleiben auf Abstand. Sie berichten, was andere denken.

Dann verändert Jesus die Frage: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Jetzt kann man sich nicht mehr hinter der Meinung der anderen verstecken. Jesus fragt nicht nach religiösem Allgemeinwissen. Er fragt nach Beziehung. Wer bin ich für dich? Was bedeutet es für dein Leben, dass du mir begegnest?

Petrus antwortet: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Das ist der entscheidende Satz. Petrus erkennt: In Jesus handelt nicht nur ein bedeutender Lehrer oder Prophet. In ihm kommt Gott selbst den Menschen entgegen. Jesus ist der Christus, der Gesalbte, auf den Israel hofft.

Doch Petrus ist deshalb noch lange kein fertiger Glaubensheld. Direkt im Anschluss – im Evangelium des kommenden Sonntags – wird er sich gegen Jesu Weg stellen und sich eine scharfe Zurechtweisung einhandeln. Der Fels ist also kein fehlerloser Mensch. Jesus baut seine Kirche nicht auf menschliche Perfektion. Er baut auf das Bekenntnis und auf einen Menschen, der sich trotz seiner Grenzen von Gott rufen lässt.

Damit kommen die Schlüssel ins Spiel. Wir kennen Schlüssel als Zeichen von Besitz: Wer den Schlüssel hat, darf hinein. In den biblischen Texten dieses Sonntags bedeutet der Schlüssel aber vor allem Verantwortung.

Die Lesung aus dem Buch Jesája nennt zuerst Schebna, den Palastvorsteher. Der größere Zusammenhang zeigt einen Mann, der sein Amt zur eigenen Selbstdarstellung benutzt. Er sorgt für sein Denkmal und seine Stellung. Deshalb wird ihm das Amt genommen. Éljakim erhält Gewand, Schärpe und den Schlüssel des Hauses David. Er soll nicht sich selbst groß machen, sondern „zum Vater“ für die Menschen Jerusalems werden.

Der Schlüssel ist also kein Schmuckstück und kein Privileg. Wer ihn trägt, muss öffnen, schützen und verantwortlich entscheiden. Er trägt den Schlüssel sogar auf der Schulter – beinahe wie eine Last. Autorität ist in der Bibel kein Freibrief, sondern anvertrauter Dienst.

Wenn Jesus Petrus die Schlüssel des Himmelreichs zusagt, steht diese Lesung im Hintergrund. Auch Petrus bekommt die Kirche nicht als Eigentum. Die Kirche bleibt die Kirche Christi: „Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“ Petrus soll dienen, binden und lösen, Orientierung geben und Wege öffnen. Seine Vollmacht ist daran gebunden, dass er Jesus als den Christus bekennt.

Das ist bis heute eine wichtige Erinnerung für kirchliche Ämter. Schlüsselgewalt darf niemals bedeuten: Ich bestimme, wer zu Gott gehört und wer draußen bleiben muss. Sie muss sich an Jesus messen lassen – an dem, der Schuldigen Vergebung eröffnet, Ausgegrenzte in die Gemeinschaft zurückholt und den Menschen den Zugang zu Gott nicht versperrt.

Natürlich hat dieses Evangelium eine besondere Bedeutung für das Petrusamt und damit für den Papst. Aber wir wären schnell fertig, wenn wir den Text nur nach Rom weiterreichen würden. Denn auch uns sind Schlüssel anvertraut.

Wir können anderen Türen öffnen oder sie verschließen. Ein freundliches Wort kann jemandem den Zugang zu einer Gemeinschaft eröffnen. Ein vorschnelles Urteil kann eine Tür zuschlagen. Wir können einem Menschen zeigen: Du bist willkommen, deine Stimme zählt, du darfst hier sein. Oder wir können ihm vermitteln: Für dich ist hier kein Platz.

Eltern tragen Schlüssel für ihre Kinder. Pflegende und Angehörige für Menschen, die ihnen anvertraut sind. Lehrkräfte für junge Menschen. Haupt- und Ehrenamtliche für Gemeinden und Einrichtungen. Wer Verantwortung trägt, hält immer auch ein Stück Zugang zum Leben anderer in der Hand.

Darum gehört die Frage Jesu vor jede Schlüsselübergabe: „Für wen haltet ihr mich?“ Denn wenn Jesus für uns wirklich der Christus ist, verändert das unseren Umgang mit Verantwortung. Dann kann Macht nicht zuerst der eigenen Stellung dienen. Dann muss Leitung den Menschen dienen. Dann geht es nicht darum, möglichst viele Türen zu kontrollieren, sondern die richtigen Türen zu öffnen.

Vielleicht stolpern wir auch über Jesu Zusage, die Pforten der Unterwelt würden seine Kirche nicht überwältigen. Dieser Satz ist keine Garantie dafür, dass jede kirchliche Form, jedes Gebäude und jede Gewohnheit für immer bestehen bleibt. In der Geschichte ist vieles untergegangen, was Menschen für unverzichtbar hielten. Jesu Zusage gilt tiefer: Seine Gemeinschaft mit den Menschen wird nicht im Tod enden. Das Evangelium bleibt lebendig. Christus hört nicht auf, seine Kirche neu zu bauen.

Und er baut sie nicht nur aus Amtsträgern oder aus besonders standfesten Menschen. Er baut sie aus uns: aus Menschen, die glauben und zweifeln, bekennen und manchmal versagen, Verantwortung übernehmen und neu lernen müssen. Der Fels ist nicht unsere Fehlerlosigkeit. Der tragende Grund ist Christus selbst, den Petrus bekennt.

So bleiben uns heute zwei Fragen. Die erste stellt Jesus selbst: Wer bin ich für dich? Nicht für die Leute, nicht für die Kirche im Allgemeinen, sondern für dich. Und die zweite lautet: Welche Schlüssel sind mir anvertraut? Wo kann ich einem Menschen eine Tür öffnen – zu Gemeinschaft, Hoffnung, Versöhnung oder neuem Leben?

Petrus antwortet: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Wenn wir dieses Bekenntnis mitsprechen, gibt Christus auch uns Verantwortung. Nicht damit wir uns vor Türen stellen, sondern damit durch unser Leben etwas von seinem Himmelreich offensteht.
Amen.

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