Predigt zu Röm 8, 9.11–13 + Mt 11, 25–30

Bild von Gábor Adonyi auf Pixabay

Liebe Schwestern und Brüder,

„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch Ruhe verschaffen.“

Dieser Satz Jesu passt gut zum Ende des Schuljahres.

Denn jetzt kommen sie wieder: die Zeugnisse.
Für manche ist das ein Grund zur Freude. Für andere eher ein schwerer Moment. Da steht dann schwarz auf weiß, was gelungen ist — und was nicht. Da wird verglichen, erklärt, gerechtfertigt. Manchmal auch geschimpft.

Natürlich sind Zeugnisse nicht egal. Leistung ist nicht egal. Rückmeldung ist wichtig.

Aber ein Zeugnis ist nicht der Wert eines Menschen.

Ein Zeugnis sagt etwas über Leistungen in bestimmten Fächern, in einem bestimmten Zeitraum.
Aber es sagt nicht alles.

Es sagt nicht, wie viel Angst jemand überwunden hat.
Es sagt nicht, wie sehr jemand sich bemüht hat.
Es sagt nicht, was zu Hause gerade los war.
Es sagt nicht, ob jemand treu ist, hilfsbereit, ehrlich, verletzlich, mutig.

Und ganz ehrlich: Das hört ja nach der Schule nicht auf.

Auch Erwachsene bekommen ständig Zeugnisse — nur heißen sie anders.

Da bewertet der Arbeitgeber.
Da bewertet die Familie.
Da bewertet der Kontostand.
Da bewertet der Blick in den Spiegel.
Da bewertet die Gesellschaft: erfolgreich oder nicht, belastbar oder nicht, attraktiv genug, schnell genug, brauchbar genug.

Und manchmal sind wir selbst die strengsten Prüfer.
Wir schreiben uns innerlich Zeugnisse, die gnadenloser sind als jede Lehrkraft es dürfte.

„Nicht gut genug.“
„Zu wenig erreicht.“
„Wieder versagt.“
„Andere kriegen das besser hin.“

Und genau in diese Welt hinein sagt Jesus:

„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.“

Nicht: Kommt, wenn ihr alles im Griff habt.
Nicht: Kommt, wenn die Bilanz stimmt.
Nicht: Kommt, wenn ihr euch selbst optimiert habt.

Sondern: Kommt alle.

Das ist kein frommer Wellness-Satz.
Das ist ein Gegenprogramm.

Jesus sagt: Du bist mehr als deine Leistung.
Mehr als dein Zeugnis.
Mehr als dein Konto.
Mehr als dein Lebenslauf.
Mehr als das, was andere über dich sagen.
Mehr auch als das, was du dir selbst manchmal einredest.

Paulus schreibt im Römerbrief: Gottes Geist wohnt in euch.

Das ist ein starker Satz.
In uns wohnt nicht nur Druck. Nicht nur Müdigkeit. Nicht nur Versagen. Nicht nur die Angst, nicht zu genügen.

In uns wohnt Gottes Geist.

Das heißt: Da ist Würde, bevor irgendwer bewertet.
Da ist Leben, bevor irgendwer rechnet.
Da ist Gottes Ja, bevor Menschen ihre Noten verteilen.

Und vielleicht ist genau das die Frage dieses Sonntags:

Welchen Zeugnissen glaube ich eigentlich?

Glaube ich nur den Zeugnissen, die andere mir ausstellen?
Dem Urteil der Schule, der Arbeit, der Familie, der Gesellschaft?
Oder glaube ich auch dem Zeugnis Gottes über mein Leben?

Und dieses Zeugnis lautet nicht: perfekt.
Es lautet: geliebt.

Nicht: fehlerlos.
Sondern: getragen.

Nicht: immer stark.
Sondern: nicht allein.

Jesus sagt: „Lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig.“

Vielleicht ist das die eigentliche Reifeprüfung des Lebens:
nicht immer besser, schneller, stärker werden — sondern gütiger.
Nicht härter werden — sondern menschlicher.
Nicht andere kleinmachen, um selbst größer zu wirken.
Sondern Lasten leichter machen.

Für Kinder und Jugendliche am Schuljahresende heißt das:
Du bist nicht deine Note.

Für Eltern heißt es:
Mach aus einem Zeugnis kein Urteil über ein ganzes Kind.

Für Erwachsene heißt es:
Hör auf, dein Leben nur nach fremden Maßstäben zu bewerten.

Und für uns als Gemeinde heißt es:
Wir sollen ein Ort sein, an dem Menschen nicht noch mehr Last aufgelegt bekommen.
Sondern ein Ort, an dem sie aufatmen dürfen.

„Kommt alle zu mir“, sagt Jesus.

Alle, die müde sind.
Alle, die Druck spüren.
Alle, die Angst haben, nicht zu reichen.
Alle, die gerade etwas abschließen.
Alle, die neu anfangen müssen.
Alle, die nicht wissen, ob sie den Erwartungen genügen.

Jesus sagt nicht: Bring erst ein gutes Zeugnis mit.
Er sagt: Komm.

Und vielleicht ist das die beste Nachricht dieses Sonntags:

Gott benotet dich nicht.
Gott hält dich.

Amen.

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