Worauf es ankommt.

Predigt zum 30. Sonntag im Jahreskreis

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Liebe Schwestern und Brüder,

„Welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?“

Eine scheinbar einfache Frage. Und Jesus gibt tatsächlich eine erstaunlich kurze Antwort: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben – mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken.

Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Fertig.

Man könnte jetzt eigentlich „Amen“ sagen und sich wieder hinsetzen. Denn viel mehr gibt es über das Christentum im Grunde nicht zu sagen. Nur – und das ist vermutlich der Grund, warum seit zweitausend Jahren trotzdem gepredigt wird – das Schwierige beginnt erst danach.

Denn Jesus sagt nicht: Liebe Gott oder deinen Nächsten.

Er sagt auch nicht: Liebe zuerst Gott, und wenn dann noch etwas übrig ist, kannst du dich um die Menschen kümmern. Sondern er bindet beides untrennbar aneinander.

Gottesliebe und Menschenliebe.

Und damit nimmt Jesus uns eine Ausrede, die Religion zu allen Zeiten gern benutzt hat:

Dass man nämlich sehr fromm sein kann und gleichzeitig ziemlich lieblos. Man kann beten. Man kann Gottesdienste besuchen. Man kann die richtige Lehre vertreten. Man kann jedes Gebot kennen. Und trotzdem einen Menschen kleinmachen. Trotzdem über andere urteilen. Trotzdem wegschauen. Trotzdem Menschen erklären, dass sie irgendwie nicht richtig dazugehören.

Und das heutige Evangelium sagt ziemlich nüchtern: Dann stimmt etwas nicht.

Denn eine Frömmigkeit, die den Menschen übersieht, verfehlt am Ende auch Gott. Vielleicht ist deshalb die erste Lesung heute so wichtig. Da wird plötzlich ausgesprochen, was „Nächstenliebe“ bedeutet. Nicht abstrakt.

Ganz konkret: Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten oder unterdrücken. Witwen und Waisen sollt ihr nicht ausnutzen. Und wenn jemand arm ist und dir etwas schuldet, sollst du seine Not nicht noch größer machen. Das ist bemerkenswert.

Denn die Bibel sagt eben nicht nur: Seid nette Menschen.

Sie fragt: Wie geht ihr mit denen um, die weniger Macht haben als ihr? Mit dem Fremden. Mit dem Armen. Mit dem Menschen, der keinen Einfluss hat. Mit dem, dessen Stimme niemand hört. Und gerade darin zeigt sich offenbar etwas von unserem Verhältnis zu Gott. Das ist durchaus unbequem.

Denn wir Menschen lieben gern theoretisch. „Ich habe doch nichts gegen Ausländer.“ „Ich habe doch nichts gegen Arme.“ „Ich habe doch nichts gegen Menschen, die anders leben oder lieben.“ „Ich habe doch nichts gegen … – diese Liste könnte ich jetzt endlos fortsetzen“

Christliche Nächstenliebe beginnt aber nicht mit dem Satz: „Ich habe nichts gegen dich.“ Das wäre ein ziemlich niedriger Anspruch.

Jesus sagt nicht: Dulde deinen Nächsten.

Er sagt: Liebe ihn.

Und Liebe bedeutet in der Bibel nicht, dass ich jeden sympathisch finden muss. Zum Glück. Denn das wäre schlicht unmöglich.

Liebe bedeutet: Ich erkenne im anderen einen Menschen, dessen Würde genauso unantastbar ist wie meine eigene. Einen Menschen, von Gott gewollt. Einen Menschen, dessen Leben zählt. Auch dann, wenn er mir fremd ist. Auch dann, wenn ich seine Entscheidungen nicht verstehe. Auch dann, wenn er anders denkt, glaubt oder lebt als ich. Vielleicht beginnt Nächstenliebe manchmal tatsächlich mit einem sehr kleinen Schritt:

Dass ich aufhöre, einen Menschen auf eine Eigenschaft zu reduzieren. Nicht „der Flüchtling“. Nicht „die Geschiedene“. Nicht „der Obdachlose“. Nicht „der Konservative“. Nicht „die Progressive“. Nicht „der Schwierige“.

Sondern: ein Mensch. Ein Name. Eine Geschichte. Eine Sehnsucht. Eine Verletzung. Ein Leben. Und dann fügt Jesus noch etwas hinzu, das wir gern überlesen:

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Auch das gehört dazu. Christentum verlangt nicht, dass wir uns selbst aufgeben.

Selbstverachtung ist keine christliche Tugend. Vielleicht müssen manche Menschen sogar erst lernen, sich selbst mit jener Barmherzigkeit anzusehen, mit der Gott sie längst ansieht. Mit ihren Brüchen. Mit ihren Fehlern. Mit dem, was nicht gelungen ist. Mit dem, was sie gern anders gemacht hätten.

Denn wer überzeugt ist, selbst eigentlich nur durch Leistung, Anständigkeit oder moralische Perfektion liebenswert zu sein, wird sehr schnell auch andere danach beurteilen. Das Evangelium erzählt von etwas anderem:

Wir sind geliebt, bevor wir etwas leisten.

Und vielleicht können wir gerade deshalb lieben. Nicht weil wir besser sind. Nicht weil wir moralisch überlegen wären. Sondern weil wir selbst von Gottes Liebe leben.

Und damit wird das Doppelgebot Jesu plötzlich zu einer Art Prüfstein. Vielleicht sogar zu einem Prüfstein für Kirche. Bei all unseren Diskussionen darüber, wie Kirche aussehen soll, welche Traditionen bewahrt werden müssen, was sich verändern darf oder nicht verändern darf, könnte man immer wieder diese eine Frage stellen:

Hilft das, Gott zu lieben und Menschen zu lieben? Werden dadurch Menschen aufgerichtet? Können Verwundete Heilung erfahren? Finden Einsame Gemeinschaft? Bekommen Menschen, deren Stimme sonst niemand hört, eine Stimme? Erfahren Menschen etwas von der Freiheit, die Jesus gebracht hat? Wenn ja:

Dann sind wir wahrscheinlich ziemlich nah am Evangelium.

Und wenn unsere Religion Menschen kleiner, ängstlicher, beschämter oder hoffnungsloser macht, dann sollten wir zumindest den Mut haben zu fragen, ob wir nicht irgendwo vom Weg Jesu abgekommen sind. Denn Jesus sagt heute nicht:

Daran wird man euch erkennen, dass ihr bei allem Recht habt.

Er sagt auch nicht:

Daran wird man euch erkennen, dass ihr alle Vorschriften perfekt erfüllt.

Im Zentrum stehen zwei Beziehungen: Gott. Und der Mensch neben mir.

Vielleicht ist christlicher Glaube deshalb gleichzeitig viel einfacher und viel anspruchsvoller, als wir manchmal denken. Am Ende unseres Lebens wird vermutlich niemand von uns gefragt werden, ob wir jede kirchliche Debatte richtig entschieden haben.

Vielleicht bleibt eine viel einfachere Frage: Hast du geliebt? Hast du Menschen aufgerichtet? Hast du hingesehen? Hast du geteilt? Hast du einem Menschen das Gefühl gegeben: Es ist gut, dass du da bist?

Und vielleicht wird Gott dann sagen: Genau dort war ich.

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort

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