Bildung ist kein Steinbruch

Aachen muss sparen. Geschenkt.
Die Haushaltslage ist schwierig, niemand kann ernsthaft so tun, als könnte man einfach weitermachen wie bisher und darauf hoffen, dass sich das Problem irgendwie von selbst erledigt.
Aber wenn Sparen bedeutet, dass man anfängt, genau die Strukturen zur Disposition zu stellen, die Kinder und Jugendliche auffangen, Benachteiligung ausgleichen und Probleme verhindern sollen, bevor sie richtig teuer werden, dann habe ich ein Problem.
Und zwar ein ziemlich großes.
Denn in den aktuellen Unterlagen zur Haushaltskonsolidierung findet sich nicht nur eine Liste mit konkreten Kürzungsvorschlägen.
Es gibt auch eine zweite Liste. Und bevor jetzt jemand Schnappatmung bekommt: Nein, das ist noch keine fertige Streichliste. Nein, dort ist noch nicht beschlossen, was wegkommt. Nein, ich behaupte nicht, dass morgen irgendwo die Tür zugesperrt wird.
Aber dort steht ziemlich deutlich, welche Bereiche grundsätzlich als steuerbar angesehen werden. Und wenn ich lese, was da alles auftaucht, dann frage ich mich schon, ob wir gerade anfangen, an der falschen Stelle den Rotstift zu spitzen.
Sprachförderung. Schulübergreifende Zusammenarbeit in Aachen-Ost.
Offene Kinder- und Jugendarbeit. Unterstützungssysteme an Schulen.
OGS-Strukturen. Elternbeiträge. Technischer Support.
Und an anderer Stelle bereits ganz konkret: Kürzungen bei Präventionsangeboten, Jugendmedienschutz und beim Grundschulfonds. Da kann man natürlich sagen: Das sind erstmal nur Zahlen in einer Tabelle.
Das Problem ist nur: Hinter diesen Zahlen stehen keine abstrakten Verwaltungsvorgänge. Da stehen Kinder. Jugendliche. Familien. Lehrkräfte. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Erzieherinnen und Erzieher.
Menschen, die jeden Tag versuchen, Dinge zusammenzuhalten, die längst nicht mehr selbstverständlich funktionieren. Ich arbeite als Lehrer und als Diakon in Aachen-Ost.
Ich brauche keine PowerPoint-Präsentation, um zu verstehen, was ein belasteter Sozialraum ist. Ich sehe ihn. Jeden Tag.
Ich sehe Kinder, bei denen Sprachförderung eben nicht „nice to have“ ist.
Ich sehe Jugendliche, bei denen eine Offene Tür nicht einfach Freizeitgestaltung bedeutet, sondern manchmal der einzige verlässliche Ort außerhalb von Schule und Familie ist.
Ich sehe, wie viel Zeit Schulen inzwischen mit Problemen verbringen, die mit klassischem Unterricht überhaupt nichts mehr zu tun haben.
Gewalt. Mobbing. Klassenchats. Cybermobbing. Grooming. Absentismus. familiäre Krisen. soziale Notlagen.
Und dann soll ernsthaft darüber nachgedacht werden, genau bei den Strukturen zu sparen, die diese Probleme minimal abfedern?
Das ist ungefähr so sinnvoll, wie den Feuerlöscher zu verkaufen, weil es gerade nicht brennt. Natürlich kann und muss man auch im Bildungs- und Jugendbereich prüfen, wo Geld sinnvoll ausgegeben wird. Niemand braucht heilige Kühe.
Aber ich weigere mich, so zu tun, als sei jede Ausgabe gleich verzichtbar. Es gibt einen Unterschied zwischen Luxus und Infrastruktur.
Es gibt einen Unterschied zwischen einem netten Zusatzangebot und einer Maßnahme, die verhindert, dass ein Kind komplett den Anschluss verliert.
Es gibt einen Unterschied zwischen „könnte man vielleicht anders organisieren“ und „wenn das wegfällt, landet die Arbeit morgen bei Schule, Jugendhilfe oder Polizei“.
Und genau da müssen rote Linien her. Jetzt. Nicht irgendwann.
Nicht erst dann, wenn eine Verwaltungsvorlage sagt: „Wir schlagen vor, diese Position um 30 Prozent zu kürzen.“ Nicht erst dann, wenn Einrichtungen anfangen, Stunden zu reduzieren. Nicht erst dann, wenn Schulen feststellen, dass Kooperationen nicht mehr finanziert werden können. Und ganz sicher nicht erst dann, wenn alle Beteiligten überrascht feststellen, dass eine vermeintlich kleine Einsparung ziemlich große Folgen hat.
Denn das ist ja das perfide Spiel bei vielen dieser Positionen:
Im Gesamthaushalt sehen 20.000, 30.000 oder 50.000 Euro manchmal lächerlich klein aus. Vor Ort können genau diese Beträge darüber entscheiden, ob ein Angebot stattfindet oder nicht. Ob jemand da ist oder nicht. Ob eine Kooperation funktioniert oder nicht. Ob Prävention stattfindet oder erst Intervention, wenn das Kind längst in den Brunnen gefallen ist. Und nein: Das ist keine sentimentale Sozialromantik.
Das ist auch finanziell ziemlich banal. Wer bei Prävention spart, zahlt später für Intervention. Wer bei Sprachförderung spart, zahlt später für zusätzliche Unterstützung. Wer bei Jugendarbeit spart, wundert sich später über eskalierende Probleme im öffentlichen Raum. Wer Lehrkräften immer noch mehr Zusatzaufgaben zuschiebt, darf sich irgendwann nicht darüber wundern, wenn Unterricht darunter leidet. Und wer Familien mit immer höheren Beiträgen belastet, sollte wenigstens ehrlich sagen, dass Haushaltskonsolidierung dann eben auch über die Geldbeutel von Familien läuft.
Deshalb finde ich: Ja, wir müssen über Einsparungen reden.
Aber wir müssen auch endlich darüber reden, wo nicht gespart werden darf.
Gerade in sozial belasteten Stadtteilen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen. Gerade bei den Strukturen, die verhindern, dass aus kleinen Problemen große werden. Und vielleicht muss man an dieser Stelle auch einmal etwas unbequemer werden:
Wenn Bildung, Prävention und Jugendarbeit immer dann als „freiwillig“ betrachtet werden, wenn der Haushalt unter Druck gerät, dann haben wir ein grundsätzliches Problem. Denn Kinder werden nicht weniger arm, weil eine Haushaltsstelle gestrichen wird. Sprachprobleme verschwinden nicht, weil man ein Programm beendet. Mobbing hört nicht auf, weil eine Präventionsveranstaltung zu teuer geworden ist. Und Jugendliche hören auch nicht auf, Unterstützung zu brauchen, nur weil eine Leistungsvereinbarung gerade schlecht in die Haushaltsplanung passt.
Man kann Probleme aus dem Haushalt streichen. Aus dem echten Leben verschwinden sie dadurch nicht.
Deshalb: Ja, eine Liste ist noch ein Denkmodell. Aber genau deshalb ist jetzt die Zeit, laut zu werden. Jetzt ist die Zeit, rote Linien zu ziehen. Jetzt ist die Zeit, den Verantwortlichen zu sagen: Schaut euch genau an, was ihr da als „steuerbar“ markiert.
Denn manches ist vielleicht steuerbar. Aber deshalb noch lange nicht verzichtbar.